Arbeitsmigration –

der Traum von einem besseren Leben, der viel zu häufig platzt

Autor: Stefan Zell

Arbeitsmigration und die Gefahren des Betrugs und der Ausbeutung

Die Arbeitsmigration vieler Roma in Cidreag nimmt auf unsere Betreuung im BuKi-Haus zunehmend Einfluss. In einer wachsenden Anzahl der von BuKi betreuten Familien, ist ein oder sind beide Elternteile teilweise über Jahre im europäischen Ausland als Arbeitsmigranten tätig.

Das Roma-Viertel in Cidreag ist heute nicht mehr das Gleiche wie im Jahre 2008, als wir auf der nichtbefestigten Durchgangsstraße die ersten Kleider an bedürftige Menschen verteilten. Im Vergleich zu damals ist der Ort heute kaum mehr wiederzuerkennen. Das Roma-Viertel prosperiert, viele Elendsbehausungen an der Straße sind schönen Einfamilienhäusern gewichen.

Neben diesen wirklich positiven Veränderungen sehen wir, dass ein hoher Anteil unserer Kinder unter der Arbeitsmigration ihrer Eltern leiden. Vielfach traumatisiert geraten sie in extreme Schieflagen.

Gleichzeitig nehmen wir wahr, dass relativ viele Elternteile in der Arbeitsmigration tätig sind, die in Cidreag zurückgebliebenen Familien aber weiterhin in bitterer Armut leben. Wie kann das sein?

BuKi fragt nach: Wir wollten die Zusammenhänge und Gefahren der Arbeitsmigration, so wie wir sie in Cidreag wahrnehmen verstehen. Wir haben deshalb im Roma-Viertel nachgefragt und Menschen, die als Arbeitsmigranten tätig sind, zu ihrer Situation befragt.

BuKi ging es dabei nicht, um eine wissenschaftlich belastbare Untersuchung. Es ging uns vielmehr um ein Stimmungsbild im Roma-Viertel, zu der Situation der Menschen als Arbeitsmigranten. Wir haben dazu 11 Roma-Frauen und Männer befragen können. Die Umfrage wurde von der BAG-Stiftung Walter Hesselbach gefördert.

Der Traum von einem besseren Leben – die Ursachen der Arbeitsmigration

Die Arbeitsmigration führt im Roma-Viertel in Cidreag sichtbar zu einer Verbesserung der Lebenssituation. Die Menschen im Roma-Viertel entscheiden sich für die Arbeitsmigration, in der Hoffnung, der Armut und Perspektivlosigkeit im Viertel zu entkommen. Sie machen sich auf, für ein besseres Leben und eine bessere Zukunft für ihre Kinder und ihre Familien.

Viele Menschen, die wir im Viertel antreffen träumen von einer Arbeit in ‚Hollandia‘. Freunde und Bekannte erzählen von ihren guten Erfahrungen, vor allem, dass man ein ‚Vielfaches‘ mehr als in Cidreag und Satu Mare verdienen könnte. Diese Erzählungen und Erfahrungen motivieren auch andere, vielleicht zurückhaltendere Personen, den Schritt in die Arbeitsmigration zu wagen.

Vermittlungsprozesse und Kontaktpersonen

Seit Beginn unserer Tätigkeit als NGO in Cidreag, haben wir Personen getroffen, die im europäischen Ausland als Arbeitsmigranten tätig waren. Ein paar wenige Personen haben damals in der Landwirtschaft in Ungarn, Tschechien und Deutschland gearbeitet. Heute erleben wir einen richtigen ‚run‘ auf Tätigkeiten in der Arbeitsmigration vor allem in der Fleischindustrie in Holland.

Wie schafft das nun jemand, der nicht lesen und schreiben kann, vor allem aber auch, die Landessprache nicht spricht, eine Arbeitsstelle im europäischen Ausland zu finden?

Hinsichtlich der Arbeitssuche und der Vermittlung scheint es im Viertel eine Art kollektive Erfahrung zu geben. Die Kontaktdaten von Vermittlern zu Arbeitsstellen, mit denen andere bereits gute Erfahrungen gemacht haben, werden innerhalb des Viertels weitergereicht.

Die Befragten Personen sprachen dabei immer von einem ‚Mann‘. ‚Wir rufen den Mann an‘ oder ‚der Mann gibt uns Bescheid, wann der Bus fährt‘. Sie konnten aber meist nicht genau sagen, wer dieser ‚Mann‘ war. Vor allem, in welcher Verbindung er zur Firma stand, in die er die Personen vermittelt hat.

Die ‚Männer‘, Vermittler oder Kontaktpersonen, sind meist Rumänen, die bereits länger im europäischen Ausland leben und der Landessprache mächtig sind. Sie sind entweder in der entsprechenden Firma angestellt, arbeiten in einer Zeitarbeitsfirma, sind freie Vermittler oder als Unternehmer in den jeweiligen Ländern tätig.

Die Grundlage zur Arbeitsvermittlung ist immer ein gültiger Personalausweis. Eine Kopie wird den ‚Männern‘ anvertraut, die die Vermittlung zu einer Arbeitsstelle aber auch die Organisation der Unterbringung, der offiziellen Anmeldung mit Bankkonto und die Fahrt von Cidreag nach Holland übernahmen.
Häufig werden die Kontaktgespräche aber nicht von der zu vermittelnden Personen selbst geführt, sondern von dritten: Etwa von Familienmitgliedern, Geldverleihern oder Bekannten im Viertel. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Roma in Cidreag sehr zurückhaltend sind und vor allem Frauen nicht einfach bei fremden Personen im Ausland anrufen.

Für uns auffallend war die passive Rolle der vermittelten Personen im Vermittlungsprozess. Keine der befragten Personen hat sich aktiv nach den Rahmenbedingungen der Beschäftigung erkundigt: Nach der Firma, der Tätigkeit, dem Gehalt, der Unterbringung und weiteren Kosten die letztendlich vom Gehalt abgezogen werden. Dies ist vor allem bei den ersten Kontakten entscheidend.

Viele der befragten Personen wussten zwar, in welcher Branche sie arbeiten – in der Fleischindustrie etwa oder im Gemüseanbau – kannten aber den Namen der Firma in der sie tätig waren nicht.

Die befragten Personen arbeiteten im Gemüseanbau, der Fleischindustrie und in einer Trockenbaufirma in Holland und Belgien. Die Arbeitszeiten waren in allen Firmen geregelt, die Überstunden wurden bezahlt, teilweise wurden Wochenendzuschläge entrichtet.

Auch wurden uns offizielle Gehaltsabrechnungen gezeigt. Jedoch haben nur wenige Personen verstanden, was darin geschrieben stand. Im Vermittlungsprozess kommt der genauen Klärung des Arbeitsverhältnisses mit der Kontaktperson eine wichtige Bedeutung zu. Der Grad zwischen einem ausbeuterischen Arbeitsverhältnis und seriösen Beschäftigungsverhältnis ist sehr schmal.

Wir haben Personen angetroffen, die bereits im Vorfeld an Vermittler mehrere Hundert Euro bezahlt hatten, die Vermittlung in eine Arbeitsstelle aber nicht geklappt hat. Das Geld war am Ende weg. Oder ein junges Paar kam nach mehreren Monaten Arbeitsaufenthalt mit hohen Schulden aus der Arbeitsmigration zurück. Sie waren bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt, mehrere Stellenwechsel führten zu hohen Vermittlungsgebühren, die sie mit ihrem erwirtschafteten Lohn nicht bezahlen konnten.

Der Umgang mit Geld und die Rolle der Geldverleiher

Wir stellen immer wieder fest, dass manche Erwachsene im Roma-Viertel nicht wissen was Geld ist. Sie leben im Moment und geben ihr Geld situativ aus mit fatalen Folgen für ihre Lebensgestaltung.

Einige der befragten Personen waren zum Zeitpunkt der Vermittlung in die Arbeitsmigration bei Geldverleihern aus dem Roma-Viertel verschuldet. Geldverleiher drängen ihre Schuldner immer häufiger zur Arbeit ins Ausland, sie organisieren die Vermittlung und häufig auch die Fahrt.

Die Konditionen des Geldleihens im Roma-Viertel sind denkbar schlecht. Der Zinssatz liegt bei 100% in 4 Wochen. D.h. wenn 100,00 € geliehen werden, müssen nach 4 Wochen 200,00 € zurückbezahlt werden. Viele der Schuldner können nicht lesen, schreiben und rechnen und verstehen die Kalkulation nicht. Vor allem schaffen es viele der Schuldner nicht, ihre Schuld und die fälligen Zinsen zurückzubezahlen. So gelangen sie in eine Schuldenspirale bzw. in die Schuldenfalle.

In unserem Betreuungsalltag stellen wir fest, dass Familienangehörige – etwa die bei den Kindern zurückgebliebene Frau – sich beim Geldverleiher kontinuierlich verschuldet und er sich wiederum das Geld mit enormen Aufschlägen beim im Ausland tätigen Mann holt.

Uns sind persönlich Familien bekannt, bei denen Angehörige über Jahre hinweg im Ausland tätig sind, die Familien selbst aber in bitterer Armut leben und kaum eine Verbesserung ihrer Lebenssituation sichtbar wird.

Das Verleihen von Geld und die Vermittlung der Personen ins Ausland wird zu einem lukrativen Geschäft. Die Folge davon ist, dass der eigentliche Gewinn aus der Arbeitsmigration nicht in der Familie, sondern beim Geldverleiher bleibt. Geldverleiher sind die größten Profiteure der Arbeitsmigration im Viertel.

Mit Bildung in der Arbeitsmigration erfolgreicher

Mit konkret 11 befragten Personen war unsere Umfrage sicherlich nicht repräsentativ. Dennoch: In jenen drei befragten Familien, die sichtbar aus der Arbeitsmigration profitiert hatten, konnten sowohl die Männer als auch ihre Frauen Lesen, Schreiben und Rechnen. Vor allem wussten sie mit Geld umzugehen.

Mit Stolz haben uns die Menschen durch ihre neu errichteten Häuser geführt, die sie mit dem im Ausland hart erarbeiteten Geld verdient und meist selbst gebaut haben. Diese Familien waren nicht verschuldet und standen im Viertel in keinen Abhängigkeiten. Die Kinder waren stabil versorgt. Trotz der Arbeitsmigration einer oder teilweise beider Elternteile blieb die Tagesstruktur und das Verhalten der Kinder im BuKi-Programm stabil.

Bei allen interviewten Personen mit schwachen Lese, Schreibe und Rechenfähigkeiten war der ökonomische Erfolg aus der Arbeitsmigration fraglich. Fast alle Personen waren zum Teil hoch verschuldet und standen in der Abhängigkeit eines Geldverleihers. Viele der Kinder kamen vom einen superprekären Lebensumfeld in das andere. Die Kinder wurden durch die Arbeitsmigration der Eltern auffällig und waren im BuKi-Programm nicht mehr zu halten.

Die Einkommenssituation ein grober Ländervergleich

Wagen wir einen groben Vergleich auf mögliche Einkommen in Rumänien und im Rahmen der Arbeitsmigration in Europa, wie sie sich für BuKi darstellen (Stand 2022):

Einkommen ungelernter Hilfsarbeiter in Rumänien:

Darunter verstehen wir Tätigkeiten als Tagelöhner in der Landwirtschaft oder auf dem Bau oder als ungelernte Hilfsarbeiter etwa im Einzelhandel oder der Industrie. Der Verdienst liegt dort etwa bei 350,00 – 500,00 € netto pro Monat. Ist das Arbeitsverhältnis unregelmäßig – wie etwa als Tagelöhner im Winter in der Landwirtschaft – liegen die Einkommen auch deutlich darunter.

Vor allem auf dem Land sind nicht nur Roma, sondern eine große Anzahl an Rumänen in diesen Beschäftigungsverhältnissen tätig. Bereits vor den Krisen der 2020igern lebten Familien mit vergleichbaren Einkommen im Mangel und Armut. Mit nun rasant wachsenden Lebenshaltungskosten verschärft sich die Situation weiter.

Einkommen in der Arbeitsmigration:

Wir haben einige Lohn- und Gehaltsabrechnungen gesehen sowie mit einigen Personen gesprochen. Die Gehaltsabrechnungen variierten von 800,00 € bis etwa 2.200,00 € netto / Monat. Viele Löhne lagen pro Monat bei rund 1.000,00 € netto.

Mit 1.000,00 € netto pro Monat, fällt man in den Migrationsländern unter die Armutsgrenze. In Rumänien sieht das ganz anders aus. Mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung als Kfz-Mechaniker oder Tischler ist ein vergleichbares Gehalt ausgeschlossen. Selbst mit einem erfolgreich beendeten Masterstudiengang ist ein vergleichbares Gehalt eher die Ausnahme.

Für im Niedriglohnsektor oder im Tageslohn tätige Rumänen, wie die Roma in Cidreag, ist ein Einkommen, das doppelt so hoch liegt wie jenes in Rumänien, völlig außerhalb der möglichen Reichweite. 1.000,00 € pro Monat sind auf dem Land in Rumänien schlicht der große Traum.

Fügt man nun mögliche Sozialleistungen, wie etwa das Kindergeld hinzu, wird der Arbeitsaufenthalt im Ausland noch einmal deutlich lukrativer. Als Vater oder Mutter einer kinderreichen Familie sind die Einkünfte durch das Kindergeld schnell auf der Höhe des monatlichen Gehalts (bei vier Kindern liegt das Kindergeld in Deutschland bei 944,00 € (Stand 2022)).

Diese Mittel kommen an, vor allem in Familien, die den Umgang mit Geld verstehen. Es zeigt sich im Roma-Viertel in Cidreag, dass Familien mit Kindern deren Eltern als Arbeitsmigranten tätig sind, von den zusätzlichen Zahlungen deutlich profitieren. Die Wohnverhältnisse sind in vielen Fällen wesentlich besser und die Kinder leben in stabileren Verhältnissen.

Im Fall der verschuldeten Familien landen auch die Sozialleistungen beim Geldverleiher.

Entbehrungsreiches Leben in der Migration

Die Idee der Roma in der Arbeitsmigration ist, im Ausland genügend Geld zu verdienen, so dass sie sich zu Hause in Cidreag ein Haus bauen und ein Auto kaufen können, oder einfach – sich für sich selbst oder ihre Familien ein besseres Leben leisten können.

Doch mehr Geld zu verdienen heißt auch, Geld zu sparen. Wie spart man sich bei 1.000,00 € netto noch etwas ab? Das geht nur, wenn das entbehrungsreiche Leben von zu Hause in der Arbeitsmigration weitergeführt wird und die vielen Risiken der Arbeitsausbeutung erkannt werden.

Die Unterbringung in Sammelunterkünften mit Mehrbettzimmern gehört auch bei den Roma aus Cidreag zum Stand. Lange Anfahrtswege erhöhen die körperliche Belastung die durch die ohnehin schwere Tätigkeit in der Fleischindustrie entstehen.

In der Arbeitsmigration lässt sich nur dann etwas verdienen, wenn die Menschen bereit sind, über Jahre hinweg im Ausland auf jeden Komfort zu verzichten und ein karges leben in Kauf nehmen. Gleichzeitig müssen sie in der Lage sein, mit Geld umzugehen.

Leider geht diese Rechnung bei vielen Migranten nicht auf und der Traum von einem besseren Leben platzt wie eine Blase.

Weiterführende Links:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/rumaenische-wanderarbeiter-ausbeutung-am-bau-dlf-kultur-1fd354f0-100.html
https://www.deutschlandfunk.de/ausbeutung-wanderarbeiter-migration-arbeit-osteuropa-100.html
https://www.faire-mobilitaet.de/++co++040afc8a-c61a-11ec-b848-001a4a160123

Auswirkung der Arbeitsmigration auf das Bildungsverhalten ist kontraproduktiv

Der Verdienst von BuKi ist zweifellos, dass mehr Roma-Kinder in Cidreag Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und mehr Kinder länger in der Schule bleiben. Dennoch: die Absprungrate der Kinder aus dem Bildungssystem ist weiterhin viel zu früh und zu hoch.

Es gibt nur wenige Roma-Kinder in Cidreag, welche die achte Klasse im Ort abschließen und eine weiterführende Schule im 40 km entfernte Satu Mare besuchen. Doch diese Absolventen gibt es. Leider führt auch ihr Weg in die Arbeitsmigration. Denn im Niedriglohnsektor in der Arbeitsmigration ist weiterhin deutlich mehr zu verdienen, als nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung in Rumänien.

„Warum soll ich meine Kinder zur Schule schicken, wenn sie (auch ohne Schulausbildung) in ‚Hollandia‘ das Doppelte verdienen wie hier in Cidreag?“ Mit diesen und ähnlichen Aussagen werden wir relativ häufig konfrontiert. Für Menschen, die im hier und jetzt leben, gibt es bei dieser Einkommenslage keinen Grund ihre Kinder in die Schule zu schicken. Geld schlägt Bildung.

Zweifelsohne gibt es auch verständnisvollere Eltern, die sehr bewusst ihre Kinder zur Schule und in die Betreuung von BuKi senden. Dennoch ist im Roma-Viertel das Verharren in traditionelle Lebenswelten weiterhin prägend.

Für BuKi als Bildungsträger ist die hohe Attraktivität der Migration auf Arbeitsstellen im Ausland definitiv kontraproduktiv.

Beispiele interviewter Frauen und Männer, die in der Arbeitsmigration tätig sind:

Das Interview mit Henni*

Henni (34) lebt mit ihren Kindern in bitterster Armut am untersten Rand der sozialen Schicht im Roma-Slum in Cidreag. Bereits früher war sie als Erntehelferin in Ungarn tätig. Da ihre drei Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, arbeitet sie nun wieder regelmäßig in Holland. Henni hat 3 Kinder, Ihre beiden Jungs im Alter von 9 und 13 Jahren leben bei ihrer Mutter. Über mehrere Jahre waren die Kinder in der Betreuung bei BuKi.
Mit dem Weggang der Mutter haben die Jungs ihren Halt verloren. Sie kamen immer unregelmäßiger, wurden deutlich verhaltensauffällig bis wir sie im Programm nicht mehr halten konnten.
Für Heini ist die Arbeit in Holland wie eine Befreiung. Freudestrahlend erzählt sie von Freundinnen, die höflich mit ihr umgehen würden. Sie wird als Mensch akzeptiert.
Henni kann nicht lesen, schreiben und rechnen. Immer wieder war Henni hoch verschuldet. Bei Henni ist durch die Arbeitsmigration keine Veränderung ihrer und der Lebenssituation ihrer Kinder sichtbar. Dennoch möchte sie auch weiterhin im Ausland arbeiten. In Cidreag sieht sie für sich keine Perspektive.

Das Interview mit Gyula*
Gyula ist 37 Jahre alt. Gemeinsam mit seiner Frau hat er sechs Kinder, drei Jungen und drei Mädchen. Mit 16 Jahren hat er angefangen im Ausland zu arbeiten, zuerst in Ungarn, dann in Tschechien und jetzt in Holland.
Gyula arbeitet in der Landwirtschaft bei einem Gemüsebauern. Pro Jahr ist er mindestens 7 Monate von seiner Familie getrennt. Auch seine Frau arbeitet 3 Monate im Jahr im selben Betrieb. In dieser Zeit passen seine Eltern auf die Kinder auf.
Trotz der Migration zum Teil beider Elternteile ist die Familie stabil. Eine Tochter besucht regelmäßig das BuKi-Programm.
Wenn er nicht im Ausland arbeitet, baut er an seinem Haus, durch das er stolz Heidi und Greta führt. Sie haben das Haus mit dem in der Arbeitsmigration verdienten Geld gebaut. Noch in diesem Jahr wollen sie dort einziehen. Gyula kann lesen, schreiben und rechnen. Die Familie ist nicht verschuldet. Bei Gyula ist der ökonomische Aufschwung durch die Arbeitsmigration deutlich sichtbar.

Das Interview mit Roxi*
Roxi ist 31 Jahre alt und hat vier Kinder. Die älteste Tochter ist 14 Jahre alt. Die Familie lebt in Cidreag im Roma-Slum in äußerst prekären Lebensverhältnissen. Roxi und ihr Mann sind Analphabeten.
Gemeinsam arbeiten sie seit vier Jahren in Holland in der Fleischfabrik. Pro Jahr kommt sie für einen Monat zurück. Ihre Kinder sind während ihrer Abwesenheit bei ihrer Mutter die ebenfalls in großer Armut lebt. Die Kinder leiden enorm unter der Abwesenheit der Mutter. Zu Beginn waren sie noch im Programm bei BuKi, sind im weiteren Verlauf aber abgesprungen.
Roxi hat in den ersten Jahren ihre Schulden beim Geldverleiher abgearbeitet. In der Zwischenzeit hat sie eine größere Hütte im Roma-Slum gekauft. An der Lebenssituation von ihr und ihren Kindern in Cidreag hat sich kaum etwas verändert, es muss weiterhin als äußerst prekär bezeichnen werden.

Das Interview mit Solti*
Seit Jahren ist Solti in der Arbeitsmigration tätig. Zuerst in Ungarn, dann in Tschechien, später beim Gurkenanbau in Deutschland und nun bei einem Handwerker in Belgien.
Mit seiner Frau hat er drei minderjährige Kinder und ist im Ort mit seiner Familie in der Freikirche aktiv. Er trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Solti lebt mit seiner Familie in einem Einfamilienhaus an der Hauptstraße. Er ist ein geachteter Mann im Viertel. Den Umbau des Hauses und die ein oder andere Annehmlichkeit konnte sich die Familie durch die Arbeitsmigration von Solti leisten.
Sein Körper ist durch die intensive Arbeitsbelastung geprägt. Die letzte Fahrt nach Belgien konnte er nicht antreten, weil er Rückenschmerzen hatte. Wie er sich seine Zukunft vorstellt, weiß er selbst noch nicht. In Cidreag als Tagelöhner zu Arbeiten, kommt in jedem Fall nicht in Frage.