Die Bürde des Antiziganismus

Armutsbekämpfung und Bildungsbegleitung von Roma-Kindern
im Spannungsfeld der Lebenswelten

Autor: Stefan Zell, Vorsitzender von BuKi – Hilfe für Kinder in Osteuropa e.V.

Inhaltsverzeichnis

I.               Vorwort

Die Europäische Kommission veröffentlichte am 7. Oktober 2020 ihren dritten Zehnjahresplan zur Unterstützung der Roma in der EU – die EU Rahmenstrategie für Gleichheit, Inklusion und Partizipation 2020 -2030 [1].

Aus der EU-RS[2] gehen Empfehlungen für die EU-Mitgliedstaaten hervor, strategische Maßnahmen zur Gleichstellung, Inklusion und Partizipation der Roma in den Nationalstaaten aufzusetzen. Die EU-RS ist somit das zentrale Dokument, an dem sich die Politik der Nationalstaaten zur Verbesserung der sozialen Lage der Roma orientieren sollte.

BuKi unterhält in Cidreag / Rumänien, eine Tagesstätte für Roma[3]-Kinder – das BuKi-Haus. Unser Ziel ist es, Roma-Kinder mit Bildung aus der Armut zu führen. Wir nehmen die Kinder bei der Hand, federn ihre sozialen Hürden ab und begleiten sie auf ihrem Bildungsweg.

Seit Februar 2008 sind wir in der Armutsbekämpfung von Roma in Cidreag engagiert. Seit der Eröffnung des BuKi-Hauses im Januar 2011 arbeiten wir täglich in der Bildungsbegleitung von heute über 40 Roma-Kindern. BuKi leistet damit bereits seit Jahren, was die EU-RS zu implementieren versucht.[4] [5]

BuKi ist als Akteur auf der gegenüberliegenden Seite der politischen Prozesskette aktiv; nämlich an der operativen Schnittstelle, zwischen der Roma-Lebenswelt und jener Welt der ‚Mehrheitsbevölkerung‘[6], zu der mit Hilfe der EU-RS, der Zugang für Roma gefördert werden soll.

Entscheidend ist nun, inwieweit Herausforderungen, mit denen BuKi in der operativen Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung der Roma-Kinder konfrontiert ist, durch die EU-Roma-Strategie aufgegriffen und thematisiert werden. Ist die EU-RS dazu geeignet, um als Leitlinien und Rahmen auf operativer Projektebene wirksam zu werden?

Der Antiziganismus ist das prägende Element der EU-Roma-Strategie. Auch BuKi ist mit Formen des Antiziganismus konfrontiert, dem in aller Entschiedenheit begegnet werden muss. Allerdings spielt bei BuKi, in der Armutsbekämpfung und Bildungsbegleitung der Roma-Kinder, Antiziganismus eine nachgeordnete Rolle. In den Vordergrund rücken die Roma-Lebenswelten[7], die im Hinblick auf die Verelendung und Bildungserfolge der Kinder einen entscheidenden Einfluss nehmen.

Einen Hinweis auf die Roma-Lebenswelten, dem grundlegenden sozialen Gefüge innerhalb der Roma-Gemeinschaften, sucht man in der EU-RS vergebens. Wie kann es sein, dass ein für die Arbeit von BuKi so grundlegender Faktor in der EU-RS nicht thematisiert wird?

Innerhalb professioneller Betreuungseinrichtungen und Sozialdienstleister eröffnen sich genau an diesem Punkt eine enorme Grauzone. Weil nicht nur BuKi, sondern viele Einrichtungen mit den Roma-Lebenswelten konfrontiert werden, aber von den Roma-Verbänden kaum eine Orientierung kommt, wie denn damit umzugehen ist.

So vielfältig und glanzvoll, wie die Roma als Individuen und in ihren Gemeinschaften innerhalb der EU in Erscheinung treten, so vielfältig sind auch ihre Lebenswelten. Nachfolgend werden Ausschnitte jener Roma-Lebenswelten skizziert, mit denen BuKi in seiner täglichen Bildungsbegleitung und humanitären Arbeit konfrontiert wird.

Diese Lebenswelten spiegeln ausdrücklich nicht die Lebenswelten aller in der EU lebenden Roma wider. Sehr wohl aber prägen sie die Realitäten vieler Einrichtungen in Osteuropa, die in pädagogischer, sozialer und humanitärer Weise mit Roma tätig sind.

Ziel des Dokuments ist es, den Diskurs zur Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung von Roma über die Frage des Antiziganismus hinaus zu öffnen. Dabei wird ein lösungsorientierter Dialog gesucht, um NGOs und Institutionen, die in der operativen sozialen Arbeit tätig sind, zu stärken.

II.              Die Arbeit und das Umfeld von BuKi

BuKi – Hilfe für Kinder in Osteuropa e.V., eine private Initiative aus Bad Saulgau, unterhält in Cidreag, einer beschaulichen Gemeinde, im Kreis Satu Mare, im Nordwesten Rumäniens eine Betreuungsstätte für Roma-Kinder – das BuKi-Haus.

Seit Februar 2008 sind wir vor Ort, im Januar 2011 konnten wir auf einem ehemalig landwirtschaftlich genutzten Anwesen mit der Betreuung der Kinder beginnen. Bei BuKi erhalten die Kinder ein Frühstück, gehen anschließend zur Schule, kommen nach der Schule ins BuKi-Haus zurück, erhalten dort einen Mittagstisch und werden nachmittags sozialpädagogisch betreut.

BuKi versteht sich wie eine Brücke: wir nehmen die Kinder bei der Hand, federn ihre sozialen Hürden ab und führen sie aus ihrem Viertel heraus in die Schule. Nur wenn die Kinder die Schule besuchen, dürfen sie ins BuKi-Haus kommen. In vier Gruppen werden im BuKi-Haus etwa 45 Kinder von sieben Betreuerinnen, Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen, einer Hauswirtschafterin, Praktikant*innen und Freiwillige begleitet.

Das BuKi-Haus steht auf vier sozialpädagogischen Säulen: Soziale Grundsicherung, Soziale Arbeit, Lebensnahe Bildung sowie schulpädagogische Begleitung. Nur wenn es gelingt die Kinder sozial zu stabilisieren, haben sie eine Chance, den Einstieg und den Fortgang in der Schule zu meistern.

Entscheidend für die Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung von Roma-Kindern ist, dass als NGO und Träger der Einrichtung neben den klassischen Aufgaben einer Kindertagesstätte, ein sehr breites Angebot an sozialen Dienstleistungen notwendig wird, um die sozialen Hürden der Kinder und Familien abzufedern.

Dazu zählt etwa eine intensive Betreuung der Familien, die Beratung und Einbindung von Frauen und ein fließender Übergang in rein humanitäre Leistungen. Prägnant war im Frühjahr 2020, die 9-wöchige Lebensmittelnotverteilung an bis zu 250 Familien im Roma-Viertel, die durch den Lockdown im Rahmen der ersten Corona-Welle ausgelöst wurde.

In Cidreag leben fast ausschließlich ungarnstämmige Rumänen. Deshalb wird im Ort, in der Schule, auf dem Bürgermeisteramt oder in den Geschäften ungarisch gesprochen. Die Roma sprechen Romanes. Auch die Ungarn zählen, wie die Roma in Rumänien zu einer Minderheit mit einer leidvollen Geschichte. [i]

Für Außenstehende ist zunächst nicht klar, wann das Roma-Viertel beginnt. Offensichtlich ist jedoch, dass es prosperiert. Die asphaltierte Straße wird links und rechts von vielen neu gebauten oder renovierten Einfamilienhäusern geprägt. Tendenziell sind Bauplätze und Häuser im Roma-Viertel teurer als im ungarischen Viertel.

Das Roma-Viertel gedeiht, während sich die Entwicklung im ungarischen Viertel weniger dynamisch vollzieht. Dies ist auf die vielen Roma zurückzuführen, die in den vergangenen Jahren zunehmend von der hohen Nachfrage des europäischen Arbeitsmarktes profitieren. Die dort verdienten Mittel fließen in den Ort und zu den Familien zurück und das ist sichtbar.

Neben den wohlhabend anmutenden Gebäuden entlang der Hauptstraße finden sich zahlreiche einfachere Unterkünfte und Elendshütten in der zweiten und dritten Reihe. Dort wird deutlich, was das Leben unterhalb der Armutsgrenze bedeutet.

III.             Hohe Vielfalt innerhalb der Roma-Bevölkerung

Von wem wird in der EU-RS gesprochen, wenn im Kontext ‚Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe‘ von ‚Roma‘ gesprochen wird? Uns sind in Deutschland einige Sinti bekannt. Dabei fällt sofort auf, dass zwischen den von uns betreuten Menschen in Cidreag und jenen mit denen wir uns in Deutschland austauschen, hinsichtlich der Frage zur ‚Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe‘, Welten liegen. Die hohe Vielfalt innerhalb der Roma-Bevölkerung erschwert es, Ansätze für deren Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe zu entwickeln.

Ein Rom aus Bulgarien ist auf seine individuelle Art anders sozialisiert als ein Rom aus England oder Schweden und kann außer, dass die Personen Rom sind, kaum miteinander verglichen werden. Eine stolze 23-jährige junge Romni mit 3 Kindern aus Sibiu/Rumänien, des Lesens- und Schreibens nicht mächtig, am untersten Rand der Armutspyramide soll von der EU-RS ebenso erfasst werden wie die 23-jährige junge Romnja in Stuttgart/Deutschland, die trotz ihrer sehr guten Zeugnisse keine Stelle erhält, weil sie als Romnja ausgegrenzt und diskriminiert wird. Aber nicht nur länderübergreifend, auch innerhalb der einzelnen Völker bzw. innerhalb der EU-Mitgliedsländer gibt es hinsichtlich der Gleichstellung und Teilhabe einzelner Rom enorme Unterschiede.

Die EU-RS verweist immer wieder auf die Vielfalt der Roma-Bevölkerung und dass dafür Rechnung getragen wird, sie mit den Bedürfnissen der spezifischen Gruppen in die Gestaltung und Umsetzung mit einzubeziehen. Auch wird darauf verwiesen, dass die Herausforderungen in den Mitgliedsstaaten hinsichtlich der Intensität und den spezifischen Merkmalen der Roma-Bevölkerung unterschiedlich sein können [8]

Diese Differenzierung ist hinsichtlich der sozialen Frage nicht ausreichend. Um wie BuKi sozialpolitisch wirksam zu werden, ist es unabdingbar zu wissen, inwiefern die bisherige Sozialisation der Roma den Prozess der Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe an der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ begünstigt oder vielleicht sogar behindert.

Die Roma-Lebenswelten

Als Roma-Lebenswelten wird hier das grundlegende soziale Gefüge innerhalb der Roma-Gemeinschaften verstanden. Es gibt nicht die eine Roma-Lebenswelt vielmehr können sich diese in ihrer Ausprägung von Land zu Land, von Region zu Region und Ort zu Ort deutlich unterscheiden.

Der Begriff der Roma-Lebenswelt ist breiter als der Kultur-Begriff. Er deckt auch Bereiche ab, die über den Begriff der Kultur hinausreichen.

Je größer die Differenz bzw. je geringer die Schnittbereiche, der Roma-Lebenswelten zur ‚Mehrheitsgesellschaft‘ desto eher kann auch von einer Parallelgesellschaft der jeweiligen Roma-Minderheit gesprochen werden. Wenn hier von traditionellen Roma-Lebenswelten gesprochen wird, ist die Differenz zur ‚Mehrheitsgesellschaft‘ tendenziell eher stärker ausgeprägt.

Als NGO und Institution in der Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung von Roma spielt dieser Faktor eine erhebliche Rolle. Denn je nach Situation werden völlig unterschiedliche politische, soziale und pädagogische Maßnahmen erforderlich, um Roma als tragende und aktive Akteure im Prozess zur Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe mitzunehmen.

IV.             Die Bürde des Antiziganismus

BuKi unterstützt den Kampf gegen Diskriminierung und Ausbeutung von Roma. Trotz bereits spürbarer Erfolge halten wir das unaufhaltsame Engagement gegen Antiziganismus für eine unabdingbare kollektive Pflicht.

Gleichzeitig sind wir der Meinung, dass diese immerwährende Debatte dem Partizipationsbemühen der Roma aus mehreren Gesichtspunkten schadet. Das möchten wir nachfolgend beschreiben:

4.1            Wie BuKi Antiziganismus wahrnimmt

Ja, Antiziganismus durchdringt in unterschiedlichsten Formen jede Pore unserer Gesellschaft. Wir erleben dies in unserem Projekt und auch als Projektträger. Die Diskriminierung und Ausgrenzung von Roma muss in seiner ganzen gesellschaftlichen Breite bekämpft werden. Und gerade deshalb muss die Debatte darüber auf allen Ebenen zwingend geführt werden.

Seit weit über 12 Jahren reisen wir nun regelmäßig nach Rumänien, meist nach Cidreag zu unseren Kindern im BuKi-Haus aber auch in andere Städte und Landesteile Rumäniens. Wir treffen auf viele Menschen, die uns außerordentlich gastfreundlich empfangen (da kann man sich in Deutschland eine Scheibe abschneiden!). Man sitzt zusammen, tauscht sich aus. Mit vielen Rumänen können wir uns sogar auf Deutsch unterhalten, weil sehr viele von ihnen in Deutschland arbeiten oder gearbeitet haben.

Uns begegnet ein immer wieder kehrendes Phänomen: Sobald wir erklären was wir tun, dass wir eine Betreuungsstätte für Roma-Kinder unterhalten, dass wir mit Roma-Kindern und Roma-Familien zusammenarbeiten – genau dann, wird die Atmosphäre frostig. Oft ist es nur eine ablehnende Handbewegung, eine kleine Geste und alles ist gesagt. Man sieht den Menschen direkt an, wie ihr innerer Rollladen fällt, ungläubig wird der Kopf geschüttelt, man wird kurzsilbig, in der Regel endet damit das Gespräch.

In Rumänien ist die Situation eine andere als in Deutschland. In Deutschland gibt sehr wohl Menschen und ethnische Minderheiten, die diskriminiert und ausgestoßen werden und die in Armut leben. Doch diese verelendeten Massen Osteuropas, teils in Slums am Rande von Dörfern und Gemeinden, teils einzeln verstreut, das kennen wir aus Deutschland nicht. Und als Deutscher kann man sich das auch nicht vorstellen. Für die betroffenen Gemeinden und die Menschen in Rumänien ist dies eine grandiose Herausforderung.

Und so erleben wir in der rumänischen Gesellschaft einen tiefen Frust und eine Müdigkeit, sich mit der Roma-Problematik weiter auseinander zu setzen. Eng damit verbunden ist der Glaube an die Aussichtslosigkeit, dass sich an dieser Situation je etwas ändern könnte.

In diese Aussichtslosigkeit kommen ‚schlaue‘ Deutsche und helfen nicht jenen, die es nötig hätten – also armen Menschen der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ -, sondern ausgerechnet dem ‚Abschaum‘ der Gemeinde. BuKi richtete – und richtet bis heute – seinen Fokus auf Menschen, die man normalerweise verbirgt, die nicht zum Glanz und Selbstverständnis eines Landes passen und für die sich ganz Rumänien schämt. So in etwa kann der Geist beschrieben werden, der zu Beginn unserer Tätigkeit zwischen BuKi und der Gemeinde lag.

Trotz dieser dumpfen Situation wurden wir im Roma-Viertel immer freundlich begrüßt. Vor allem gab es innerhalb der ungarischen Bevölkerung stets einzelne Personen und Familien die uns ausgesprochen gastfreundschaftlich aufgenommen, verköstigt und übernachten ließen. Einige Personen sind heute bei BuKi angestellt, mit anderen verbinden uns enge freundschaftliche Kontakte.

Bei aller Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit gegenüber diesem Phänomen, haben zumindest wir den Eindruck, dass es sehr wohl deutliche Hoffnungsschimmer gibt, institutionell-politisch als auch unmittelbar auf persönlicher Ebene. Das sind diese wichtigen Lichtblicke, die diese allesumfassende dunkle Hülle des Antiziganismus, die über Jahrhunderte das Leben der Roma bestimmte und bis heute präsent ist, an einigen Stellen aufreißt und hell durchleuchtet.

Die Arbeit mit den Kindern im BuKi-Haus, die Gehälter unserer Betreuerinnen, das Frühstück und den Mittagstisch, humanitäre Hilfen, den Unterhalt des Gebäudes, die Fahrten – all das finanzieren wir ausschließlich über Spenden! Das sind Mittel, die BuKi für humanitäre Zwecke, Bildung und Integration von Roma-Kindern und – Familien aus der ‚Mehrheitsbevölkerung‘ anvertraut werden. Wir können daraus schließen, dass es in der ‚Mehrheitsbevölkerung’ sehr wohl einen bemerkenswerten Anteil an Menschen gibt, die gegenüber der Partizipation und Teilhabe von Roma offen sind. Dafür sind wir dankbar!

Was uns aber wirklich freut ist, dass sich auch im Umfeld unseres BuKi-Hauses in Rumänien viel Positives bewegt. Vom einen Nachbarn erhalten wir einen Sack Kartoffeln vom anderen Gemüse. Der Bauernverband im Kreis Satu Mare schenkte uns Mehl. Über eine längere Zeit erhielten wir nun täglich von einem Bäcker frisches Brot ins BuKi-Haus nach Cidreag geliefert – und das kostenlos. Ein katholisch geführtes Gymnasium in Satu Mare schenkte uns Lebensmittelgutscheine, aus anderen Schulen erhalten wir Kleiderspenden! Zu Weihnachten werden im Dorf für die BuKi-Kinder Weihnachtspäckchen vorbereitet und gespendet! Auch aus der örtlichen Schule und von der Gemeinde erhalten wir ernsthafte Anfragen zur Kooperation!

Ja, Antiziganismus ist präsent aber gleichzeitig ist vor allem auch in Rumänien viel Gutes in Bewegung. Wir nehmen diesen Geist dankend auf und leisten aktiv unseren Beitrag, Roma-Kinder und ihre Familien zu begleiten.

4.2.           Die mahnende Debatte zum Antiziganismus zementiert die Opferrolle der Roma

Die fortlaufende Debatte zum Antiziganismus halten wir für eine große Bürde, die trotz ihrer Notwendigkeit, die Integration und Teilhabe der Roma wesentlich behindert.

Das Phänomen vom Schuldigen und Unschuldigen führt in eine passive Rolle der Roma

Kern der Debatte zum Antiziganismus ist, dass die ‚Mehrheitsgesellschaft‘ diskriminiert und ‚Roma‘ diskriminiert werden. Also etwa: Roma sind arm, erhalten keinen Zugang zur Bildung, haben keinen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt und besseren Jobs usw. weil sie von Weißen diskriminiert werden. Es gibt also Schuldige – diejenigen, die diskriminieren – und Unschuldige, die diskriminiert werden.

Als Konsequenz daraus steht die ‚Mehrheitsgesellschaft‘ mit einer aktiven Rolle in der Pflicht. Während den Roma als Unschuldigen und Opfer von Diskriminierung in diesem Prozess eine passive Rolle zufällt.

Eine passive Haltung im Prozess der Partizipation beschreibt die Opferrolle und ist gänzlich kontraproduktiv. Partizipation ist ein Veränderungsprozess, der nur durch die aktive Teilnahme der betroffenen Roma zu bewerkstelligen ist.

Die Auseinandersetzung wie sie in der Antiziganismus-Debatte geführt wird, ist reaktiv Problem- aber nicht aktiv Lösungsorientiert und somit eher destruktiv. Dabei gleichen und wiederholen sich die Ereignisse. Die Reaktionen auf antiziganistische Vorfälle wirken so stereotyp wie die Diskriminierungen und Übergriffe selbst.

Viele Bezüge des Antiziganismus sind historischer Art und verweisen auf ein Ereignis in der Vergangenheit. Integration findet im hier und jetzt und in der Zukunft statt – das ist die gänzlich entgegengesetzte Richtung.

Die EU-RS räumt dem Thema des Antiziganismus eine sehr große Bedeutung ein. Sie macht den Antiziganismus zu ihrer grundlegenden Haltung und zementiert damit die Opferrolle der Roma. Wir sind der Meinung, dass der Diskurs zum Antiziganismus den Prozess der Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma völlig dominiert und außerordentlich belastet.

Das Innen- und Außenverhältnis in der Projektarbeit –
Antiziganismus in der Bildungsbegleitung von BuKi

Die zentrale Frage für BuKi ist, inwieweit der Antiziganismus, die Diskriminierung und Ausgrenzung in unserer unmittelbaren Entwicklungs- und Bildungsarbeit mit den Kindern und Eltern im BuKi-Haus eine Rolle spielt. Und welchen Einfluss der Antiziganismus konkret auf den Bildungserfolg der BuKi-Kinder nimmt.

Die Debatte des Antiziganismus führt zu Aussagen etwa wie: ‚Roma sind arm, weil sie von der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ diskriminiert und ausgegrenzt werden‘. Das ist definitiv nachvollziehbar. Ebenso der Umkehrschluss: ‚Ohne Diskriminierung und Ausgrenzung würde es innerhalb der Roma nicht dieses Ausmaß an Armut geben.‘ Aus das wäre logisch.

Die Arbeit von BuKi im Roma-Viertel zeigt aber, dass dieser Umkehrschluss auf Projektebene kaum zutreffend ist. Für die operative Bildungs- und Integrationsbemühungen ist dies entscheidend. In der EU-RS wird dieser Aspekt aber nicht betrachtet.

Was soll nun mit dem Innen- und Außenverhältnis der Arbeit bei BuKi näher beschreiben werden. Was ist darunter zu verstehen? Es gibt ein Leben innerhalb des Roma-Viertels und es gibt ein Leben außerhalb davon.

Cidreag ist ethnisch getrennt. Die Roma leben in ihrem Viertel auf der einen Seite, die Ungarn auf der anderen des Ortes. Das gesamte soziale Leben innerhalb des Roma-Viertels ist zunächst einmal frei von Antiziganismus. Viele der Roma – vor allem Frauen und Kinder – haben so gut wie keinen Kontakt zu Personen und zur Welt außerhalb des Roma-Viertels. Die gesamten sozialen Kontakte vollziehen sich zunächst innerhalb des Roma-Viertels. Manche Roma erzählen uns spaßeshalber, dass viele Menschen im Viertel nicht mehr von der Welt gesehen hätten, als die Erdbeerfelder rund um Cidreag.

Die Ursachen von Ausgrenzung und der Verelendung der Roma sind hoch komplex und lassen sich nicht alleine auf das Konzept des Antiziganismus reduzieren. Wir erleben bei BuKi, dass der Umkehrschluss nicht funktioniert. Also: Roma nehmen erfolgreich am Bildungsangebot teil, wenn (fast) kein Antiziganismus vorhanden ist. Dieser Umkehrschluss ist unserer Erfahrung nach falsch.

Bei BuKi schaffen die Mehrzahl der Kinder den Einstieg in die Bildungswelt nicht – sie scheitern bereits beim Einstieg und vor allem im weiteren Verlauf – obwohl sie von BuKi begleitet und in der Schule sehr offen empfangen werden. Die von BuKi betreuten Kinder und vielfach auch ihre Mütter erleben kaum etwas von Antiziganismus – ganz einfach, weil sie fast keine Kontakte zur ‚Mehrheitsgesellschaft‘ pflegen.

Aus der operativen Projektarbeit im BuKi-Haus wird deutlich, dass die Hürden zur Integration und Teilhabe von Roma nicht nur im Phänomen des Antiziganismus begründet liegen. Vielmehr müssen weitere Parameter in Betracht gezogen werden.

Die Lebenswelten der Roma in der Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung

Wir möchten hier ausdrücklich anmerken, dass wir mit großem Respekt, dem Leid tausender von Roma Rechnung tragen, die von Diskriminierung und Ausgrenzung bis heute täglich betroffen sind.

Nur im Umfeld von BuKi und vor allem der BuKi-Kinder gibt es diese Ausgrenzung so gut wie nicht, weil mit Hilfe von BuKi unmittelbar erlebter Antiziganismus deutlich reduziert wird. Die Bildungs- und Entwicklungsarbeit von BuKi wird von völlig anderen Hürden und Parametern begleitet. Die Merkmale des Antiziganismus spielen dabei fast keine Rolle.

Aus unserer Sicht nehmen die Lebenswelten der Roma, vor allem die traditionellen Lebenswelten der Roma, wesentlichen Einfluss auf die Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe an den ‚Mehrheits-gesellschaften‘ der EU. Sie sind mitverantwortlich für die Verelendung großer Teile der Roma-Bevölkerung und für den Ausschluss großer Roma-Bevölkerungsteile am Bildungswesen.

Die EU-RS konzentriert sich im Wesentlichen auf die staatliche Umsetzung der sieben Schwerpunktbereiche[9] [10]  Das ist definitiv wichtig und richtig! Nur das reicht eben nicht.

An vielen Stellen der EU-RS wird ausdrücklich auf die wichtige Teilhabe der Roma und ihrer Verbände bei der Ausgestaltung der länderspezifischen Rahmenvorgaben aber auch in gesellschaftlichen wie politischen Bereichen hingewiesen. Es geht um die Bekämpfung des Antiziganismus auf allen staatlichen Ebenen: in Politik und Verwaltung, in den Gerichten, im Bildungssystem, der Polizei usw.. Innerhalb der Systeme der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ soll eine Veränderung bewirkt werden, damit die Roma daran teilhaben können. [11] [12]

Die gesellschaftliche Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma jedoch wird nicht ohne das teilweise Infragestellen der eigenen Lebenswelten möglich sein. Doch die Lebenswelten der Roma und die Eigenverantwortung der Roma für sich selbst werden nicht thematisiert. So wirkt die EU-RS wie eine Top down Maßnahme, ohne die Menschen in ihrer Lebenswelt, die es im Wesentlichen betrifft, einzubinden und mitzunehmen.

Die EU-RS gleicht einem Theaterstück mit zwei großen Hauptrollen: jener der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ und jener der Roma. Während mit einem enormen Aufwand die Rolle der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ definiert wird, bleibt jene der Roma völlig offen.

V.              Einfluss der Roma-Lebenswelt auf den Bildungserfolg von Roma-Kindern

Bei einer unsere Elternnachmittage waren etwa 25 Roma, meist Frauen, anwesend. Eine unserer Fragen lautete, warum die Eltern ihre Kinder BuKi anvertrauen und damit zur Schule schicken wollten. Eine der Antworten war: ‚Weil sie sich für ihre Kinder ein besseres Leben und Arbeit abseits vom Hacken auf dem Feld‘ wünschen würden. Wir fragten auch wer denn von den Anwesenden Lesen und Schreiben könne: Es meldeten sich vier Personen. Eine weitere Frage war, ob jemand der Anwesenden jemanden kennen würde, der die Schule abgeschlossen hatte: Keine der anwesenden Personen kannte jemanden. Hierzu müssen wir anmerken, dass uns Personen mit Schulabschluss bekannt sind, allerdings nur sehr wenige.

In Rumänien gliedert sich der Schulbesuch in eine Primär- und eine Sekundärstufe, voraus geht die Vorschule, der Kindergarten. Die Primärstufe beginnt mit der 0. und endet mit der 8. Klasse. In Cidreag steht den Kindern der Kindergarten als auch die Primärstufe bis zur 8. Klasse offen. Kindergarten und Schule sind ca. 1 Km vom Viertel entfernt und können zu Fuß leicht erreicht werden. Unser BuKi-Haus liegt zwischen dem Roma- und dem Ungarischen-Viertel auf dem Schulweg.

Unabhängig davon, ob in Cidreag Roma-Kinder aus slumartigen Verhältnissen stammen oder aus Familien kommen, die besser situiert sind und völlig unabhängig von ihrer Intelligenz: die Mehrzahl aller schulpflichtigen Roma-Kinder scheitert in der ersten Schulklasse! Über Jahrzehnte hinweg gibt es in Cidreag nur sehr wenige Roma-Kinder, welche die achte Klasse erfolgreich abgeschlossen hätten.

Es gibt somit auch fast keine Kinder, die mit Hilfe eines erfolgreichen Schulabschlusses eine Ausbildung begonnen hätten. Wir kennen keine Person, die auf Grund eines guten Zeugnisses, den Sprung weg von prekären Arbeitsverhältnissen hin zu einer sozialversicherungspflichtigen Festanstellung im ersten Arbeitsmarkt geschafft hätten.

5.1. Ursachen, warum Roma-Kindern bei BuKi der Einstieg in die Schule nicht gelingt

Viele Menschen im Viertel wünschen sich für sich und ihre Kinder ein besseres Leben, haben aber keine Vorstellung davon, mit welchem Aufwand es verbunden ist, erfolgreich die Schule abzuschließen. Es gibt auch Familien, die den Schulbesuch ihrer Kinder ausdrücklich wünschen und sich auch persönlich, um die Teilnahme der Kinder am Unterricht kümmern. Doch warum scheitern trotz aller Bemühungen die Mehrzahl der Roma-Kinder im BuKi-Umfeld in ihrem Bildungsverlauf?

·        Die in der EU-RS formulierten ‚Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe‘ bei der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ setzt voraus, dass die Schule und Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen wurden und der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt gelungen ist. Für den Schulabschluss plus Berufsausbildung können in Rumänien etwa 11 Jahre veranschlagt werden, so dass im Alter von 17 oder 18 Jahren der Eintritt ins Berufsleben erfolgen könnte.

Diese staatliche Ausbildungswelt kollidiert mit der Roma-Lebenswelt: In unserem Umfeld suchen sich die Mädchen mit ca. 12 – 15 Jahren ihren Lebenspartner und sind mit etwa 15 und 16 Jahren in einer festen Beziehung eingebunden. In diese Lebenswelten passen keine 11 Jahre Schule, Berufsausbildung plus Berufseinstieg.

Bei den Jungs sieht dies um etwa zwei Jahre zeitversetzt ähnlich aus. Den Jungs und Mädchen fallen dabei unterschiedliche Rollen zu. Ausdrücklich erwähnen möchten wir, dass die Jugendlichen ihre Partner, nicht selten auch gegen den Willen der Eltern, frei wählen! Das Paar zieht dann in der Regel, in ein Zimmer oder kleines Haus im Umfeld der Familie des Jungen. Ist diese Familie sozial stabil, fehlt es dem jungen Paar an nichts. Sehr oft erleben wir jedoch, dass dies nicht der Fall ist und das Leben in prekären Lagen unterhalb der Armutsgrenze seinen Lauf nimmt.

Für den Bildungsverlauf der Roma-Kinder im Umfeld von BuKi entscheidend ist, dass nach der 4 Klasse, die Anzahl der Schülerinnen und Schüler rapide abnimmt. Die frühen festen Beziehungen und die frühe Gründung von Familien sind der Bildungs- und Partizipationskiller Nr. 1 und wesentlich für die Verelendung vieler Roma verantwortlich.

·        In vielen Roma-Familien ist nicht klar, was Zeit ist. Wie soll ein Kind um 8.00 Uhr in der Schule sein, wenn nicht klar ist, was 8.00 Uhr ist? Ein fester Bestandteil unserer sozialen Dienstleistungen im BuKi-Haus ist, morgens Kinder zu wecken. In unserem Umfeld betrifft dies nicht ganz ein Viertel der Kinder.

·        Sehr häufig fehlen Kinder in der Schule, weil sie zu Hause auf jüngere Geschwister aufpassen. Dies ist meist dann der Fall, wenn die Eltern beim Arbeiten oder eben verhindert sind. Da kann es schon vorkommen, dass sich sechsjährige Kinder um vierjährige Geschwister kümmern. Auch Jungen passen auf die jüngeren Geschwister auf.

·        Ob ein Kind in der Schule fehlt oder nicht, ist in den Familien oft von keiner großen Bedeutung. Häufig werden den Kindern schon früh Pflichten übertragen.

Vor allem Mädchen – meist die ältesten Töchter – unterstützen bereits sehr früh die Mütter im Haushalt. Das kann auch so weit führen, dass sich junge Mädchen vollständig um die jüngeren Geschwister kümmern müssen: Waschen, Kochen und Reinigungsarbeiten im Haus.

·        Die Kinder ihrerseits haben große Freiräume und entscheiden vielfach selbst, ob sie zur Schule gehen oder nicht. Von den Eltern kommt in dieser Situation kein Druck.

Selbsterklärend ist, dass diese Kinder die Schule nicht erreichen und wenn, dann nur mit sehr hohen Fehlzeiten.

·        Die Bildungs-Chancen von Mädchen sind im Roma-Viertel deutlich geringer als jene von Jungs.

·        Wie sollen Kinder erfolgreich Hausaufgaben machen, wenn zu Hause niemand vorhanden ist, der die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützt?

·        Wo sollen Kinder Hausaufgaben machen, wenn, wie etwa in slumartigem Umfeld, es dafür keinen Tisch gibt. Es gibt auch keinen Platz wo Bücher oder Hefte untergebracht werden könnten. Bei vielen Roma-Kindern werden Bücher und Hefte sehr strapaziert oder gehen verloren.

·        In kaum einem Haushalt gibt es ein Buch, eine Zeitschrift, einen Stift, ein Stück Papier, um etwas darauf zu schreiben. Welchen Grund haben Eltern, sich um die Bildung ihrer Kinder zu kümmern, wenn sie den Nutzen daraus nicht verstehen?

·        Obwohl in Cidreag vorhanden, besuchen viele Roma-Kinder keinen Kindergarten und wenn, dann nur unregelmäßig. Grundlegende Kenntnisse aus der Vorschule bringen die Kinder zum Schuleinstieg nicht mit.

·        Die desolaten, slumartigen Lebensverhältnisse, in denen ein Teil unserer Kinder aufwächst, sehen wir ebenfalls als Ursache für den geringen Bildungserfolg. Die für Kleinkinder essentiellen und vielfältigen Entwicklungsimpulse sind dort kaum zu finden und werden von den Eltern nicht gefördert.

Darüber hinaus hat kaum eines unserer Kinder den örtlichen Kindergarten besucht. Das Fehlen dieser so grundlegenden kindlichen Entwicklungsschritte macht einen erfolgreichen Schulbesuch so gut wie unmöglich.

·        Kinder aus slumartigen Verhältnissen sind in der Regel unterernährt und haben morgens bevor sie zur Schule gehen nichts gegessen. Einige von ihnen sind verwahrlost und werden deshalb in der Schule von den anderen Roma (!) und von den ungarischen Kindern ausgegrenzt.

·        Über den Slum hinaus – also auch in der Roma-Mittelschicht (!) – sind viele unserer Kinder kontinuierlich extremen Lebenssituationen ausgesetzt, wurden traumatisiert oder während der Schwangerschaft geschädigt. Sie werden im aktuellen System überfordert und gehen unter.

Mit diesen sozialen Handicaps belastet, schaffen nur wenige Roma-Kinder überhaupt den Einstieg in der Schule und im weiteren Verlauf dem Unterricht auf Klassenniveau zu folgen. Rasch verlieren die Kinder den Anschluss, der sich mit jedem Fehltag und allen nicht gemachten Hausaufgaben vergrößert. Die Niveauunterschiede der Kinder zu ihrer Klassenstufen sind enorm.

An einen Regelunterricht ist in diesem Umfeld nicht zu denken. Das Schulsystem unterliegt einem Bildungsauftrag und ist der enormen sozialen Herausforderung, die die Kinder mit sich tragen, nicht gewachsen.

Nach 10 Jahren aktiver Schulbegleitung durch BuKi können wir sagen, dass: heute mehr Kinder die Schule besuchen, mehr Kinder länger in der Schule verbleiben und mehr Kinder die weiterführenden Schulen in Satu Mare besuchen.

Von einer gleichberechtigten und inklusiven Teilhabe an der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ sind wir mit unseren Kindern, trotz des großen Engagements sowohl in der Schule als auch bei BuKi, weiterhin sehr weit entfernt!

5.2            Einfluss von Moral und sozialem Druck auf unsere Bildungsarbeit

Die moralische Haltung und der soziale Druck innerhalb der in sich geschlossenen Roma-Gemeinschaft sind einflussreiche Regulatoren auf das Verhalten der dort lebenden Menschen. Immer wieder beeinflusst dies auch die Bildungschancen der Kinder.

Unser Ziel war stehts Roma aus dem Viertel als Arbeitnehmer bei BuKi zu integrieren. Das hat auch lange geklappt. Aufgaben fallen im hauswirtschaftlichen Bereich an und in der Pflege der Kinder. Bei BuKi werden je nach Situation bis zu 8 Kinder aus extrem prekären Lebensverhältnissen versorgt. D. h. neben dem Frühstück und Mittagstisch, können die Kinder bei BuKi duschen bzw. werden ihre Kleider gewaschen und aufbewahrt. Meist hatten die Roma-Frauen auch schulpflichtige Kinder, so dass sowohl die Kinder als auch die Frauen von BuKi Unterstützung erhielten. So konnte BuKi die Familien sozial stabilisieren und die Kinder auf ihrem Bildungsweg begleiten.

Zunächst haben wir die Spannungen nicht richtig verstanden, die durch die Tätigkeiten der Frauen bei BuKi im Roma-Viertel entstanden. Doch die Pflege der Kinder durch andere Frauen als ihre Mütter wurde zu einem Problem. Die Roma-Frauen im Dorf haben schlecht über unsere Mitarbeiterinnen als auch über die Mütter im Dorf gesprochen, deren Kinder bei BuKi versorgt wurden. Dies hatte zur Folge, dass eine Roma-Frau ihre Stelle bei BuKi kündigte.

Heute haben wir eine ungarische Frau engagiert, die diesen beschriebenen sozialen Druck nicht kennt. Jetzt geraten die Kinder unter Druck und werden im Viertel gemoppt, weil sie die Möglichkeit wahrnehmen, sich bei BuKi zu duschen. All diese Kinder kommen aus slumartigen Wohnverhältnissen ohne Bad und ohne fließend Wasser. Manche Kinder halten dem Druck stand, manche Kinder kommen nun wieder verwahrlost zu uns und manche Kinder verlassen deshalb unsere Einrichtung.

BuKi gibt Kindern eine Chance. Wir unterscheiden dabei nicht nach sozialer Herkunft und sozialem Status im Viertel. Für BuKi entscheidend ist, dass die Kinder regelmäßig die Schule besuchen und ins Programm im BuKi-Haus kommen. Für viele Roma hingegen ist der soziale Status innerhalb des Viertels entscheidend.

5.3            Traditionelle Roma-Lebenswelten sind mit der staatlichen Bildungswelt nicht kompatibel

Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte spielen eine wesentliche Rolle, dass Roma im BuKi-Umfeld in dieser isolierten Form wie heute leben. Und wir können auch davon ausgehen, dass Segregation und Ausgrenzung über viele Jahre das Verhältnis der Menschen zu den Bildungseinrichtungen prägten und bis heute trauriger Bestandteil der Alltagsrealität vieler Roma sind.

Im hier und jetzt, nimmt BuKi die Roma-Kinder bei der Hand. Wir federn ihre sozialen Hürden ab und führen sie zur Schule. Die Ursachen für die Notwendigkeit fast alle sozialen und pädagogischen Dienstleistungen sowie humanitäre Hilfen, die BuKi den Kindern und Familien anbietet sind fast ausschließlich in ihrer traditionellen Roma-Lebenswelt zu suchen.

Antiziganismus, Diskriminierung und Ausgrenzung spielen hinsichtlich des Bildungserfolgs der BuKi-Kinder eine nachgeordnete Rolle, weil sie von BuKi durch die Begleitung der Kinder abgefedert werden.

Bei BuKi zeichnet sich ab: Je größer die Distanz der Roma zur ‚Mehrheitsgesellschaft‘, je stärker sie in ihrer traditionellen Roma-Lebenswelt verwurzelt sind, umso geringer sind ihre Chancen auf einen erfolgreichen Bildungsabschluss.

Die traditionellen Roma-Lebenswelten und die staatlich bürokratischen Bildungswelten sind nicht kompatibel. Dies führt zu einem massenhaften Scheitern von Roma-Kindern im Bildungssystem und einem grandiosen Frust von Pädagogen und Sozialarbeitern an der Schnittstelle. Die Institutionen arbeiten wie gegen Windmühlen.

VI.             Einfluss der Roma Lebenswelten auf deren Verarmung und Verelendung

6.1.           Der Kreislauf des Geldes und wie er zur Verelendung von Massen beiträgt

Das System des Geldverleihens

Typisch für Roma im Viertel ist, dass die Menschen in keinen langfristigen Beschäftigungsverhältnissen stehen. Es gibt also Phasen der Beschäftigung und Phasen wo eine Person oder eine Familie keine Einkünfte zur Verfügung hat.

Was passiert jetzt in Phasen, wo die Einkünfte wegbrechen? Wir haben das direkt erlebt, als im Rahmen der ersten Conrona-Welle Ende März 2020, in Rumänien der landesweite Lock-Down ausgerufen wurde. Vor allem Menschen in nicht offiziellen Beschäftigungsverhältnissen, wie etwa Tagelöhner und landwirtschaftliche Helfer haben von heute auf morgen ihre Jobs verloren.

Viele Roma-Familien standen nach 10 – 14 Tagen ohne Einkünfte an der Wand. Wir haben Familien angetroffen, bei denen nicht eine Kartoffel mehr zu Hause anzufinden war. BuKi hat in diesem Zusammenhang über neun Wochen lang an bis zu 250 Personen Lebensmittelnothilfepakte verteilt – dies entspricht etwa einem Drittel der Roma-Bevölkerung im Ort.

Was hätten die Menschen ohne BuKi gemacht? Sie hätten gehungert und bzw. oder sie hätten sich Geld leihen müssen. Die Konditionen sich im Roma-Viertel bei Geldverleihern Geld zu leihen, sind denkbar schlecht. Das Geld muss innerhalb von vier Wochen mit einem Zins von 100% zurückgezahlt werden. Außerhalb vom Viertel würde man diese Konditionen als Wucher bezeichnen. Innerhalb der Roma-Gemeinden und ich spreche nicht nur von Cidreag, sind diese Konditionen völlig normal.

Jetzt kann man Geldverleiher per se nicht einfach als Bösewichte darstellen, sie übernehmen im Viertel die wichtige Funktion einer Bank. Viele Roma haben kein Bankkonto, wissen auch nicht was eine Bank ist oder der nächste Geldautomat ist schlicht zu weit weg.

Familienmitglieder arbeiten im Ausland und möchten Geld nach Hause transferieren. Oft werden diese Transfers über Geldverleiher abgewickelt. Das bedeutet, dass das Geld aus dem Ausland an den Verleiher überwiesen wird und er es dann an die entsprechenden Personen in der Familie weitergibt. Oft leihen sich die Familien auch im Vorfeld Geld aus, das dann mit den Transfers aus dem Ausland verrechnet wird. Entscheidend ist, dass der Geldverleiher bei allen Transfers mit teils enormen Abschlägen verdient.

Im Viertel gibt es nicht den Einen Geldverleiher, sondern das können unterschiedliche Personen im Ort sein, die diese Funktion wahrnehmen. Interessant ist auch, dass es keinen Wettbewerb in den Konditionen und damit unter den Geldverleihern gibt: dass also ein Geldverleiher ‚nur‘ 50% oder nur 10% fordert. Diese Verzinsung von 100% in einer Zeitspanne von vier Wochen scheint wie in Stein gemeißelt. Möglicherweise spiegelt der Zins auch ein Verlustrisiko wider, das sehr hoch sein dürfte.

Der entscheidende Punkt im Prozess des Geldverleihens ist, was passiert, wenn die Schuldner die Schuld plus 100% Zins innerhalb von vier Wochen nicht zurückbezahlen können. Sollte der Schuldner nach vier Wochen die Schuld nicht begleichen können, werden nach acht Wochen 200% der ursprünglichen Schuld fällig! Letzt endlich hängt dies dann von der Macht und Kaltschnäuzigkeit des Geldverleihers ab, ob, mit welcher Methode und vor allem mit welcher Härte er die Schuld wieder eintreibt.

Zurück zu unserem Beispiel während des Corona-Lockdowns: Die meisten Menschen, die mit den von BuKi organisierten Lebensmittelnothilfen versorgt wurden, lebten bereits vor dem Lockdown in prekären bis äußerst prekären Verhältnissen. Diese Menschen verfügen auch außerhalb des Lockdowns über keine Sicherheiten und vor allem Möglichkeiten, um eine Schuld mit völlig überteuerten Zinsen zu begleichen. Mit den skizzierten Wucherzinsen geraten die Menschen im Roma-Viertel sehr schnell in eine Schuldenfalle, der sie aus eigener Kraft nicht mehr entweichen können.

Um die Schulden einzutreiben, werden häufig staatliche Leistungen verpfändet. Vor allem das Kindergeld, die Sozialhilfe, Renten sind gängige Einnahmen, die dann auch langfristig an Geldverleiher abgegeben werden müssen. Eine typische Methode ist, dass die Schuldner ihre Ausweise dem Geldverleiher abtreten und diese direkt die staatlichen Hilfen einkassieren. Wir haben Kinder im Programm, deren Kindergeld bis zu ihrem 18 Lebensjahr an Geldverleiher verpfändet sind.

Oft werden Schuldner gezwungen ihre Schulden für Hungerlöhne bei den Geldverleihern abzuarbeiten. Wir hatten Situationen, wo betroffene Personen für zwei Lei beim Geldverleiher ihre Schuld abarbeiten mussten, während sie beim Bauern im Ort 10 Lei bekommen hätten.

Anhand dieser zwei Beispiele wird deutlich, wohin eine Verschuldung im Roma-Viertel führt. Es geht uns ausdrücklich nicht um eine vollständige Aufzählung möglicher Methoden des Geldeintreibens. Es geht uns auch nicht darum Einzelfälle akribisch zu dokumentieren. Vielmehr geht es darum, Beispiele zu skizzieren, die zeigen, wie sich die Lebenssituation der Menschen im Roma-Viertel, durch die Verschuldung im Rahmen des Systems des Geldverleihens massiv verschlechtert.

Wir gehen davon aus, dass ein sehr hoher Anteil der Roma im Viertel verschuldet ist und ein hoher Anteil der staatlichen Beihilfen nicht bei den Menschen, sondern bei den Geldverleihern im Viertel landet.

Das System des Geldverleihens beutet Menschen im Roma-Viertel gnadenlos aus. Es fördert nicht, sondern hindert Roma in ihrer Entwicklung, ihr Leben und das ihrer Familien ökonomisch zu stabilisieren. Die Schuldenfalle hat viele Menschen in ihrer Kralle. Roma, die sich ohnehin in prekären Lebensverhältnissen, am unteren Ende der Pyramide befinden, haben keinerlei Chancen sich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Die Verelendung von Massen nimmt an dieser Stelle ihren Lauf.

Definitiv gibt es im Viertel einen christlich geprägten moralischen Konsens. Doch der auf archaisch patriarchalen Machtstrukturen basierenden traditionellen Roma-Lebenswelt fehlt es an einem Regulativ, um ihre moralischen Ausreißer einzufangen. So kommt es innerhalb des Viertels zur Selbstausbeutung der Roma durch Roma, die ihresgleichen sucht.

Aus der Sicht von BuKi trägt das System des Geldverleihens wesentlich zur schlechten ökonomischen Lage der Roma und zur Verelendung großer Teile der Roma-Bevölkerung bei. Selbsterklärend ist, dass die völlig maßlosen Zinsen sowie die Methoden wie die Forderungen eingetrieben werden, mit den Werten der EU nicht vereinbar sind und in grundlegender Weise mit ihnen kollidieren. [13]

Der Umgang mit Geld

Zu unserem BuKi Kleiderbasar kam eine Frau. Sie wählte einige T-Shirts für ihre Kinder aus. Die T-Shirts kosteten 4 Lei. Sie reichte uns 20 Lei. Diese Frau wusste nicht was 4 Lei sind, sie wusste nicht was 20 Lei sind und sie wusste auch nicht welchen Betrag sie zurückbekommen würde.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird diese Frau auf vielen Ebenen zum Opfer: Sie kann z.B. ihren Lohn beim örtlichen Bauern, bei dem sie als Tagelöhnerin tätig ist nicht berechnen. Denn sie kennt das Verhältnis aus Arbeitszeit und Stundenlohn nicht. Sie ist beim Einkauf im örtlichen Einkaufsladen auf das Gut will der Verkäuferin angewiesen.

Auch innerhalb des Roma-Viertels wird diese Frau zum Opfer, denn auch sie tritt in die Fallen des Geldverleihers. Sie wird die Mechanismen nicht verstehen, was mit ihr passiert, wenn sie ihr Kindergeld verpfändet oder wenn sie vom Geldverleiher gezwungen aus der Elendshütte geworfen wird, um sich dann in einem Plastikverschlag wiederzufinden.

In jüngster Zeit erhält dieses Kapitel eine neue Dimension. Auch diese Roma, Frauen und Männer, machen sich innerhalb Europas als Arbeitsmigranten auf den Weg. Der Unterschied jedoch ist, dass sie nicht in der Lage sind, den Vermittlungsprozess zu steuern. Sie werden als billige Arbeitskräfte in Europa ausgebeutet und darüber hinaus innerhalb des Vermittlungsprozesses ihres geringen Lohnes beraubt. Diesen Menschen bleibt am Ende nichts!

Manche Roma-Kinder erreichen die Schule nicht, fast keines der Kinder schafft den Einstieg, viele Kinder springen nach der vierten Klasse ab, kaum ein Kind beendet die örtliche Schule mit der achten Klasse. Woher sollen die Menschen den Wert von Zahlen wissen, was Geld ist, was Zeit ist, was Maße wie Gewichte und Distanzen sind?

Sicherlich ist die oben beschriebene Frau kein Einzelfall, aber sie repräsentiert definitiv nicht die Roma des gesamten Viertels. Insofern ist es sehr beachtlich, wie es manche Roma schaffen, trotz einer geringen Schulausbildung, sich einen sicheren Umgang mit Geld anzueignen.

6.2            Das Leben im Moment und irrational getroffene Entscheidungen

Viele Menschen leben im hier und jetzt – in diesem Moment. Was später, morgen und in der Zukunft liegt, wird in viele Entscheidungen nicht einbezogen:

Eine Mutter möchte mit ihrem Kind zum Arzt in die 40 Km entfernte Großstadt. Da sie über kein Auto verfügt lässt sie sich von einem Roma aus dem Viertel fahren. Für die Fahrt berechnet ihr der Mann 100 Lei, er wartet eine Stunde im Auto und berechnet fürs Warten und die Zeit fürs Fahren nochmals 20 Lei. Da sie über kein Geld verfügte, lieh sie das Geld bei ihm. Somit werden 240 Lei fällig, die sie mit dem nächsten Transfer von ihrem Mann aus Deutschland begleicht. Die Frau hätte auch, wie alle anderen Menschen in der Region, mit dem Bus fahren können. Die Fahrt mit dem Bus nach Satu Mare hin und zurück kostet 12 Lei – und dieser Betrag wäre für diese Frau schon viel Geld gewesen.

Ein Junge aus dem BuKi-Umfeld hat bei einem Bauern den Einstieg in die Arbeitswelt gefunden. Er war sehr fleißig, motiviert und unglaublich stolz. Über mehrere Monate ging er regelmäßig seiner Arbeit nach. Plötzlich, von heute auf morgen, ohne eine Nachricht an den Bauern, blieb er von der Arbeit fern. Was war geschehen? Er hatte sich bei einem Geldverleiher Geld geliehen und die Reaktion unterschätzt. Er hatte mehrere Prellungen und war faktisch gezwungen unter den auferlegten Konditionen beim Geldverleiher zu arbeiten. Diese sind maximal schlechter als beim Bauern und er hätte lange beim Geldverleiher arbeiten müssen, um seine Schuld zu begleichen. Dem Bauern fehlte der fleißige Junge, er kam mit dem Geldverleiher ins Geschäft und kaufte den Jungen frei. Das ging einige Wochen gut, vor allem beim Bauern verdiente er deutlich mehr als beim Geldverleiher, bis der Junge plötzlich erneut fehlte. Er hatte sich wieder auf ein Geschäft mit dem Geldverleiher eingelassen.

Das waren nun beispielhaft zwei Geschichten, wie sie sich im Roma-Viertel täglich ereignen. Jeder der im Roma-Kontext arbeitet könnte eine Vielzahl dieser Geschichten erzählen, sie enden nicht. Ob nun der permanente Stress des Lebens unterhalb des Existenzminiums oder das Fehlen jeglicher Bildung die Ursachen dieser Entscheidungen sind, sei dahingestellt. In jedem Fall sind Beispiel die zeigen, wie sich einzig und allein aus dem Alltag in der Roma Lebenswelt heraus die Lebenssituationen der Menschen verschlechtern. Nicht selten führen diese nicht nachvollziehbaren Entscheidungen im ganzen Umfeld zu Konflikten und zur Ablehnung.

In Deutschland aber auch in Rumänien werden wir gefragt: ‚Warum macht ihr das? Es hat sowieso kein Wert, die Leute wollen nicht!‘ Selbst Roma (!) kommen auf uns mit diesen Äußerungen zu. Zum Teil tief frustriert über ihre eigenen Leute.

Der Ansatz von BuKi ist: die Menschen sind in ihrer Lebenswelt gefangen und können nicht anders. BuKi holt die Menschen dort ab wo sie stehen, auch wenn wir nicht jede ihrer Entscheidung nachvollziehen können.

Auch hier, wieder ein Fokus auf eine soziale Konstellation im Roma-Viertel. Dieser Fokus beschreibt selbstverständlich nicht die Gesamtheit der Roma im Viertel. Diese Beschreibung umreißt aber sehr wohl eine Konstellation, wie Armut und Verelendung durch die Roma Lebenswelten entstehen.

6.3         Von Eltern, die selbst noch Kinder sind

Es gibt sie, die Mädchen, hoch intelligent, in der Schule spielend gute Noten, regelmäßig im BuKi-Haus und sehr engagiert. An einer anderen Stelle auf dieser Welt hätten sie alles, um zunächst im Gymnasium und später in der Universität durchzustarten. Doch was passiert im Roma-Viertel?

Mädchen suchen sich etwa mit 13, 14 und 15 Jahren ihren Lebenspartner. Wenn sie dann ihre große Liebe gefunden haben, mündet dies in einer festen Beziehung und einer neuen Lebensphase. Bei den Jungs ist das ähnlich, nur dass sie ein paar Jahre älter sind.

Dieses ‚Balzspiel‘ ist das dominierende Thema, die ganz große Richtung, den ein innerer Kompass den Kindern und Jugendlichen vorzugeben scheint. Dabei toleriert die Roma-Lebenswelt zwischen Jungs und Mädchen keine Freundschaften. Die Jungs und Mädchen wissen, dass dieses Spiel nicht in einer verträumten Jugendliebe, sondern in einer festen Beziehung und jungen Familie mit ganz klaren Regeln mündet.

Mädchen und Jungs finden sich selbst. Zwangsheiraten sind uns aus Cidreag nicht bekannt. In zwei uns bekannten Fällen waren die Eltern gegen die Beziehung und die Jugendlichen sind dennoch zusammengezogen. Die Eltern scheinen bei der Entscheidung der Jugendlichen machtlos vis à vis zu stehen.

Die Roma-Welt in Cidreag ist eher konservativ, d. h. ein junges Paar unverheiratet, einfach befreundet, das geht in Cidreag nicht, das ist ein Tabu und gegen den moralischen Kodex. Der soziale Druck aus dem Dorf ist in diesem Fall enorm. Offiziell ist die Beziehung dann, wenn das junge Paar, durch die Eltern legitimiert, zusammengezogen ist. Roma-Hochzeiten sind sehr kostspielig. Wir haben in zehn Jahren keine Roma-Hochzeit in Cidreag erlebt.

Im BuKi-Haus hatte es gereicht, dass während der Pause, eine dritte Person von außerhalb des Geländes, einen 13-jährigen Jungen mit einem 12-jährigen Mädchen allein auf dem Trampolin gesehen hatte. Schnell türmten sich im sozialen Gefüge des Viertels dunkle Gewitterwolken auf und es kam zu einer energischen Auseinandersetzung zwischen den Familien. Das Mädchen durfte nach diesem Zwist das BuKi-Haus nicht mehr besuchen – sie war bei uns immer hin über sechs Jahre eine feste Konstante.

Nach diesem Vorfall war im BuKi-Haus die Gruppe der älteren Kinder kurz vor der Auflösung. Die Jungs tolerierten keine Mädchen mehr in der Gruppe. Einige Gespräche waren notwendig, um die Wogen zu glätten. Kurze Zeit Später war die Gruppe der älteren Kinder wie immer gemischt. Das 12-jährige Mädchen hingegen zog einige Monate später, gegen den Willen ihrer Mutter, mit einem 20-jährigen Mann in einer Hütte zusammen.

In der Regel ist es so, dass die jungen Paare, im Haus oder auf dem Platz bei den Eltern des Jungen einquartiert werden. Je nach finanzieller Situation kann das in einem neu errichteten Zimmer sein oder in einem eigens für sie gebauten Haus. Das Mädchen wird mit dieser Beziehung wie eine Tochter in die Familie des Jungen aufgenommen. Gleichzeitig ordnet sich die junge Frau ihrem jungen Mann und der Familie, d.h. Vater und Mutter des Jungen in einer tendenziell konservativen Weise unter. Alle zentralen Fragen ihres Lebens werden von ihrem Mann bzw. ihren Schwiegereltern getroffen.

An Schule ist ab diesem Moment nicht mehr zu denken, obwohl das Mädchen wie auch der Junge oft noch schulpflichtig wären. Der junge Ehemann bestimmt, was seine junge Frau macht oder nicht. Selbst wenn sie zur Schule gehen wollte, bräuchte sie dazu die Erlaubnis ihres Mannes – der nicht selten 15 oder 16 Jahre alt ist.

Wenn ein Mädchen über die vierte Klasse hinaus die Schule besucht, ist es schon fast anrüchig. Es gibt kaum Mädchen, die je die achte Klasse in Cidreag erreicht haben und fast keine Mädchen, die auf weiterführende Schulen nach Satu Mare gegangen sind. Das widerspricht grundlegend den moralischen Gepflogenheiten im Dorf. Es ist also nicht nur eine Frage des Wollens, ob Mädchen die Schule besuchen, sondern vor allem auch, ob sie und ihre Familie dem sozialen Druck innerhalb des Viertels gewachsen sind oder nicht.

Fast alle Roma-Frauen in Cidreag haben sehr jung ihre ersten Kinder bekommen. Dabei gibt es sehr wohl Familien, die sich trotz der jungen Beziehung ökonomisch gut entwickeln. Gerade in Cidreag wird dies an dem wachsenden Wohlstand im Viertel sichtbar. Wenn die Beziehung funktioniert dann ist alles gut, dann ist das junge Paar in die Großfamilie eingebunden, abgesichert und steht irgendwann auf seinen eigenen Beinen.

Der wachsende Wohlstand innerhalb der Roma-Gemeinde ist nicht zu übersehen. Das Roma-Viertel scheint zu prosperieren, während sich die Entwicklung im ungarischen Viertel nicht mit der gleichen Dynamik vollzieht.

An dieser Stelle übrigens, gerät unser Bildungsansatz gegenüber der Roma-Gemeinde in Erklärungsnot. Denn an vielen Beispielen im Ort wird sichtbar, dass auch ohne langen Schulbesuch ein ‚gutes‘ Leben zu erreichen ist. Eine wachsende Anzahl an Roma gelingt der Sprung als Arbeitsmigranten innerhalb Europas eine Beschäftigung zu finden. Auch wenn die Einkünfte aus unserer Sicht sehr gering sind, ist dies dennoch oft das Doppelte oder Dreifache von den Einkünften, die sie hier vor Ort erhalten würden.

Zurück zu unseren jungen Paaren. Wir erleben, dass es auch im Roma-Viertel zu Trennungen kommt. Während dabei der junge Mann seines Weges zieht, hat die oft junge Frau die Kinder und keine Chance auf eine eingeständige Entwicklung. Manchmal kommt sie bei ihren Eltern oder Geschwistern unter. Meist funktioniert das aber nicht, weil auch diese bitterarm sind. Genau an dieser Stelle nimmt die Verelendung im Roma-Viertel ihren Lauf – genauso wie die permanenten Traumata, die die in ihrer Existenz bedrohten Kinder tagtäglich erleben.

Diese vielen jungen Frauen mit Kindern, die am Rande der Verelendung ihr Dasein fristen, sind im Ort bekannt und sichtbar. Und obwohl diese Gefahr der Verelendung besteht und sie jeder im Ort vor Augen hat, ziehen Mädchen und Jungs, von der ganzen Roma-Gemeinschaft getragen, mit keinem vernünftigen Wort aufzuhalten, genau in diese Richtung.

Welches Fundament des Lebens geben Eltern, die selbst noch Kinder sind, ihren Kindern mit? Was haben die jungen Eltern erlebt und gelernt, um in ihrem Umfeld lebensfähig zu sein? Selbst innerhalb des Roma-Viertels sind diese Familien-Konstellationen hoch gefährdet, permanent an der Armutsgrenze zu leben oder in die Verelendung abzugleiten.

Außerhalb des Roma-Viertels, in der Welt der ‚Mehrheitsgesellschaft‘, gehen diese jungen Familien unter. Gründe dafür sind fehlende sozialen Codes, die fehlenden lebensnahen Fähigkeiten und Schulbildung, um in einer hoch industrialisierten Welt der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ zu bestehen.

Selbst mit massiver institutioneller sozialer Förderung ist an eine Teilhabe, Inklusion und Gleichstellung dieser jungen Paare, wie sie in der EU-RS skizziert wird, nicht zu denken. Aus der Sicht von BuKi tragen die sehr jung gegründeten Familien wesentlich zum Bildungsverlust und zur Verelendung der Roma bei.

6.4            Unsichtbare Gräben

Unsichtbare Gräben durchziehen die Ethnien und die Roma-Gemeinschaft selbt. In Cidreag kennt man sich. Die Abende werden auf der Bank vor dem Gartenzaun verbracht und es entgeht keine Person, die vor der Haustüre vorbeimarschiert. Viele Roma arbeiten als Tagelöhner in der Landwirtschaft der ungarischen Bauern im Ort. Das Verhältnis zwischen den Ethnien ist friedlich, aber dennoch überwiegend distanziert.

Zwischen den Ungarn und Roma im Ort existieren diese für Außenstehende unsichtbaren Gräben und diese sind tief. Das heißt man kennt sich, läuft aber oft ungeachtet aneinander vorbei, grüßt sich und beachtet sich nicht.

Wie wir zu unserer großen Überraschung feststellen mussten, durchziehen diese unsichtbaren Gräben nicht nur die beiden Ethnien der Ungarn und Roma. Auch innerhalb des Roma-Viertels selbst gibt es einzelne Personen, Familien und ganze Gruppen, die nichts oder kaum etwas miteinander zu tun haben wollen. Zwischen diesen Personen und Gruppen wird nicht mehr miteinander gesprochen.

Diese Gräben werden teilweise durch soziale Gruppen, soziale Hierarchien und Machtverhältnisse beschrieben etwa von Slumfamilien – die vielfach als schmutzig und unmoralisch gelten – und von Familien aus dem Mittelstand abgelehnt werden. Sehr häufig aber beruhen diese für uns unsichtbaren sozialen Gräben auf tiefgreifenden Konflikten und menschlichen Entwürdigungen zwischen den Roma, die nie befriedet wurden.

Die Auswirkungen auf unsere Arbeit sind offensichtlich: Wenn der Anteil an Slumkindern am BuKi-Programm größer wird, sinkt automatisch der Anteil an Kindern aus dem Roma-Mittelstand. Ähnliches gilt auch für die Auswahl unserer Roma-Mitarbeiter*innen.

Eine andere Bedeutung erhält diese Frage, wenn es um die Entwicklung von Projekten im Roma-Viertel geht. Für Außenstehende ist es schwierig passende Ansprechpartner zu finden. Tritt man mit Personen der einen Gruppe in Kontakt, macht die andere nicht mit und umgekehrt. Wie sollen im Roma-Viertel Projekte besprochen, diskutiert und umgesetzt werden, wenn jeweils nur ein Teil des Viertels bereit ist, sich an diesen Aktivitäten zu beteiligen.

6.5            Das kollektive Schweigen

Die Menschen sprechen nicht über Dinge, die ein schlechtes Licht auf sie werfen. Dies betrifft Einzelpersonen, dies betrifft aber auch die ganze Gemeinschaft. Man schämt sich für ein Unglück, das einer Familie zugestoßen ist: für Armut, für Familienmitglieder mit Behinderung, für hohe Verschuldungen und die daraus entstandenen Abhängigkeiten, für Gewalt die Frauen zustößt, für moralisches Fehlverhalten und vieles mehr.

Wer sich für Dinge schämt, spricht nicht darüber, man schweigt. Und es schweigt nicht nur die betroffene Person und Familie, es schweigt die ganze Gruppe. Die Menschen ziehen sich in ihre Welt zurück. Negative Dinge kommen nicht auf den Tisch.

Es bedarf einer sehr hohen Nähe und Vertrautheit zu den Personen, bis sie sich etwa uns gegenüber offenbaren. Besteht diese Vertrautheit nicht und spricht man gewisse Personen auf schwierige Verhältnisse an, fühlen sich viele verletzt und reagieren abweisen.

Dies begünstigt Strukturen, die viele Menschen nicht wollen, der Armut und Ausbeutung etwa, weil eine Reflektion und Korrektur nur bedingt oder gar nicht stattfinden kann. Notwendige Veränderungen innerhalb der Roma-Lebenswelten werden durch dieses Phänomen ausgebremst. Wir erleben dies auf kleiner familiärer Ebene wie auch auf größeren politischen Bühnen.

Es gibt Familien im Viertel sie lehnen die Teilnahme ihrer Kinder am BuKi-Programm ab, weil damit den anderen Roma-Familien signalisiert würde, sie wären arm und hätten kein Geld – was ganz real jeder weiß, aber so würde es offensichtlich. Unsere BuKi-Kinder werden teilweise von anderen Roma-Kindern gemoppt und ausgegrenzt, weil sie die Mahlzeiten im BuKi-Haus zu sich nehmen.

Der Begriff ‚Bildungsferne‘ im Roma-Kontext wird als rassistisch, antiziganistisches Stereotyp bewertet. Dieser Begriff undifferenziert verwendet, stellt Roma hinsichtlich ihres Bildungsengagements in ein negatives Licht. Gleichzeitig erleben wir in der Summe unserer täglichen Arbeit genau dieses Phänomen.

Während einer Tagung haben wir unsere Problemstellung in der Bildungsbegleitung von Roma-Kindern thematisiert. Im Gespräch mit Roma-Vertretern wurden wir darauf hingewiesen, dass Roma nicht Bildungsfern seien, sondern vielmehr Roma im Bildungssystem systematisch ausgegrenzt würden. Wir stimmen dieser Haltung zu, nur im BuKi-Kontext – und dies gilt eben auch für die Wirkung im Umfeld anderer NGOs – muss diese Frage völlig anders bewertet werden. Genau an diesem Punkt endete die Diskussion.

Wenn wichtige Fragestellungen im Kontext der Bildungsbegleitung von Roma-Kindern als antiziganistisches Stereotyp betrachtet wird, dann kann nicht mit einer lösungsorientierten Diskussion gerechnet werden. Diese wäre aber genau für die institutionelle Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung von Roma-Kinder so unglaublich wichtig.

VII.           BuKi im Vakuum des kulturellen Wandels

Bei Vorträgen wurden wir etwa gefragt, ‚was BuKi sich erlauben würde, die Kultur der Roma in Cidreag verändern zu wollen‘. BuKi legt großen Wert auf die Pflege der Roma-Kultur: Tanz, Sprache, Vermittlung von Symbolik sind regelmäßiger Bestandteil unseres Programms. Gleichzeitig sind wir aber der Überzeugung, dass eine erfolgreiche Bildungsteilhabe ohne einen grundlegenden Wandel in bestimmten Bereichen der traditionellen Roma-Lebenswelten nicht zu haben ist.

Im weiteren Verlauf der Diskussion hat BuKi die anvisierten Förderungen nicht erhalten, weil für die Mitglieder der Institution, die von BuKi skizzierten Bildungsinhalte und der Eingriff in die Roma-Lebenswelten als nicht akzeptabel und damit als nicht unterstützungswürdig gewertet wurde.

In dieser Abhandlung wird der Begriff der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ in ‚Anführungszeichen‘ gesetzt. Er hat eine große Bedeutung in der Roma-Diskussion und ist gleichzeitig für die Arbeit von BuKi zu schwach und unpräzise, um die ihm zugewiesene tragende Rolle zu spielen. Er bricht für BuKi als NGO in der Armutsbekämpfung und im Bildungsprozess von Roma weg.

Mit dem Begriff der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ wird ein Wertemodell und kulturelles Leitbild verbunden, das von jenem Teil der Bevölkerung geprägt wird, der hinsichtlich der Gesamtbevölkerung den größten Anteil hat und damit die kulturelle Norm des Gemeinwesens bildet [14].

In vielen Publikationen wird darauf hingewiesen, dass Roma seit Jahrhunderten einen Teil der Europäischen Gesellschaften darstellen und Teil der ‚Mehrheitsgesellschaften‘ sind. Dennoch sehen wir, dass die Grenzen zwischen Teil der Mehrheitsgesellschaft und Teil einer Parallelgesellschaft fließend sind. Dies bedingt die hohe Vielfalt der Roma-Bevölkerung, wie sie sich innerhalb Europas darstellt.

Der Begriff ‚Mehrheitsgesellschaft‘ bricht für BuKi weg, weil völlig offen ist, wo sich hinsichtlich des Veränderungsprozesses die Positionen befinden. Offen ist etwa, was die traditionelle Roma-Lebenswelt und Parallelgesellschaft tatsächlich charakterisiert. Gleichzeitig muss hinterfragt werden, ob das kulturelle Leitbild der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ als richtungsweisend gelten kann.

In der eingangsgeschilderten Diskussion bestand die Überzeugung, dass BuKi kein Recht darauf hätte, Einfluss auf die Kultur der Roma zu nehmen. Die Einen bezeichnen es als einzigartiges Kulturgut, das es zu schützen gilt, die Anderen als blanken Sarkasmus, Menschen in ihrer Not nicht zur Seite zu stehen. Dabei gerät die ursprüngliche Lebensweise schon allein durch die Verwendung neuer Medien und die wachsende Beschäftigung der Roma außerhalb der Region unter Druck.

Mit der Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung von BuKi geht unmittelbar ein Wandel der Roma-Lebenswelten und teilweise auch deren Kultur einher. Die zunächst abstrakt wirkende Frage zur Veränderung in der Roma-Lebenswelt und zum kulturellen Wandel kann an zwei Beispielen verdeutlicht werden:

In der traditionellen Roma-Lebenswelt ist das klassische Rollenbild für Frauen prägend. Frauen kümmern sich um den Haushalt und die Kinder, arbeiten als Tagelöhnerinnen auf dem Feld und ordnen sich ihren Männern unter. Bildung für Frauen hat in diesem Gefüge einen nachgeordneten Stellenwert.

BuKi vertritt ein völlig anderes Rollenbild: Mit der gezielten Förderung von Mädchen und Frauen, nicht nur in der Schule, sondern auch in einer Vielzahl von lebensnahen Bildungsprojekten, stärken wir ihre Persönlichkeiten und Chancen für eine gleichberechtigte Teilhabe im Alltag. Vor allem aber stärken wir damit die meist jungen Familien und den Schutz ihrer Kinder.

Auch die in der Roma-Lebenswelt verwurzelten frühen Beziehungen werden von BuKi grundlegend in Frage gestellt: sie behindern maßgeblich jede Schul- und Berufsausbildung von Kindern und Jugendlichen. Der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ wird damit blockiert, prekäre Beschäftigungsverhältnisse im Niedriglohnsektor werden zum Alltag.

BuKi versteht sich nicht als Aufbewahrungsort für Kinder, unser Anspruch ist deren Entwicklung. Wie die vorgenannten Beispiele zeigen, wird eine gleichberechtigte Teilhabe der Roma an der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ nicht ohne eine teilweise Veränderung in ihrer Lebenswelt bzw. ohne kulturellen Wandel in der Roma-Gemeinde möglich sein.

Die EU-RS beruft sich etwa auf die Charta der EU-Grundrechte. Doch entsprechen die Roma-Lebenswelten auch diesen Grundrechten? Wie stehen die Roma-Verbände zu Veränderungen in den Roma-Lebenswelten? Wie wird der Wandel gestaltet, was sind realistische Ziele, kann eine Anpassungsleistung der Roma erwartet werden? In der EU-RS werden diese, für in der Bildungsbegleitung und Armutsbekämpfung tätige Institutionen wichtige Fragestellungen, nicht berücksichtigt.

VIII.          NGOs an der Schnittstelle zwischen Roma-Gemeinschaft und ‚Mehrheitsgesellschaft‘

BuKi und viele weitere NGOs arbeiten bereits in dem Bereich, den die EU-RS zu stärken versucht.[15] BuKi ist seit 2008 in Cidreag aktiv. Es begann mit Hilfstransporten und dem Bau von Häusern für in Not lebende Roma-Familien. 2011 wurde das BuKi-Haus eröffnet, eine Tagesstätte für Roma-Kinder. Mit einer breiten Palette sozialer Dienstleistungen, lebensnahen Bildungsangeboten und schulpädagogischer Förderung werden Roma-Kinder auf ihrem Bildungsweg begleitet. Eine enge Abstimmung mit der örtlichen Schule, vor allem auch der Mediatoren, sind dabei wichtiger Bestandteil der Arbeit.

Die europäische Zivilgesellschaft ist im Kampf gegen Armut und in der Bildungsbegleitung von Roma in Osteuropa stark engagiert. Dabei gibt es die großen Institutionen wie etwa die Caritas und Diakonie, aber auch Freikirchen mit Sitz in Europa und zum Teil auch den USA, die mit großem Engagement aktiv sind. Parallel dazu arbeiten eine Vielzahl an kleineren Einrichtungen und privaten Initiativen, so etwa wie BuKi. Diese Initiativen basieren meist auf persönlichen Erlebnissen oder der Familiengeschichte der Gründungspersonen, die sich in Folge mit großem persönlichem Engagement für die in Not lebenden Menschen einsetzen.

Das Wirken von NGOs

NGOs nehmen eine Schlüsselfunktion im Prozess der Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe von Roma an der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ ein. Keine staatliche Behörde ist nur ansatzweise in der Lage diese Schnittstelle zu besetzen.

·          In vielen Gemeinden wird die soziale Frage der Roma verwaltet, d.h. an der sozialen Lage der Menschen ändert sich eher wenig. Es bedarf als Institution einer sehr hohen Flexibilität, um sich auf die individuelle Problemlage der Menschen in der Roma-Gemeinde einzustellen. Gleichzeitig sind die Herausforderungen an die Sozialarbeiter und Pädagogen enorm. Ohne hohe Professionalität, eine emphatisch wertschätzende Haltung und viel Geduld, wird man nur wenig erreichen.

·          Gerade in der Bildungsbegleitung von Roma-Kindern wird deutlich, wie wichtig eine Begleitung durch NGOs ist. Im BuKi-Kontext wird sichtbar, dass BuKi-Kinder wesentlich höhere Chancen auf einen erfolgreicheren und längeren Verbleib in der Schule haben. Viele Kinder hätten ohne BuKi die Schule gar nie erreicht. Dies liegt am Abfedern ihrer sozialen Hürden, an einer kontinuierlichen Tagesstruktur, an grundlegenden sozialen Codes und in der zusätzlichen Bildungsförderung, die die Kinder im BuKi-Haus erhalten.

·          Mit Hilfe von NGOs erhalten Menschen außerhalb ihres Viertels Aufmerksamkeit, die sie ohne diese Unterstützung nicht erhalten hätten: etwa beim Arzt, in der öffentlichen Verwaltung oder in der Schule. Gleichzeitig befähigen NGOs die Menschen, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Gerade weil vielen Menschen die Strukturen und Prozesse nicht vertraut sind. NGOs öffnen für die Menschen Türen, die ohne sie verschlossen geblieben wären.

·          NGOs reduzieren antiziganistisches Verhalten gegenüber den begleiteten Menschen. BuKi übergibt Menschen von Angesicht zu Angesicht. In der Regel werden durch diese Art eines Mentorings die Menschen achtsamer behandelt und ihre Anliegen ernst genommen.

·          NGOs wirken wie ein Katalysator. Roma und Nichtroma begegnen sich und kommen ins Gespräch, die sich zuvor nicht beachtet und aus dem Wege gegangen wären.

Begleitung an der Lebenslinie der Menschen

Ziehen wir in Betracht, dass ein Großteil der schulpflichtigen Roma-Kinder staatlichen Bildungseinrichtungen nicht dauerhaft erreichen, wird eine an den schulischen Klassenstufen orientierte Begleitung und Struktur der Tagesstätten der sozialen Lage von Roma-Kindern und Jugendlichen nicht gerecht. Vor allem deshalb, weil ein Großteil der Kinder und Jugendlichen sich außerhalb des Bildungsbetriebs bewegen. Darüber hinaus ist kaum eines der Roma-Kinder auf dem Niveau der Klassenstufe, so dass ohnehin eine individuelle schulpädagogische Begleitung notwendig wird.

Das Leben spült sie an – ihr Schicksal trägt sie fort. BuKi gibt Kindern eine Chance. Im BuKi-Umfeld wird deutlich, wie Kinder völlig unverschuldet in gänzlich unakzeptable Lebenslagen gespült werden. Deshalb fokussiert BuKi seine Hilfen auf den Schutz und die Entwicklung von Kindern.

Kinder leben nicht alleine, sondern in ihrem sozialen Umfeld. Nur wenn das soziale Umfeld der Kinder einiger Maßen stabil ist, besteht eine Chance, sie auf ihrem Bildungsweg zu begleiten. Sehr häufig ist dies nicht der Fall. Manchmal schaffen wir es mit unseren sozialen Dienstleistungen, das Umfeld zu stabilisieren. Oft schaffen wir es nicht und die Kinder gleiten uns aus den Händen. Dabei bräuchten sie gerade in diesem Moment so dringend Hilfe!! Auch für professionelle Akteure sind diese Situation persönlich hoch belastend.

Eine Begleitung an der Lebenslinie der Menschen rückt in den Mittelpunkt. Damit steigt die Notwendigkeit an sozialpädagogischen Dienstleistungen enorm. Neben einer intensiven sozialen Begleitung von jungen werdenden Müttern sowie jungen Frauen und Familien, rücken Notaufnahmen und Wohngruppen vor allem für Kinder aber auch Familien immer stärker in den Fokus. Spezielle Programme für Jugendliche, Entwicklungs- und Beschäftigungsangebote gerade auch von Kindern- und Jugendlichen, die aus der Schule abgesprungen sind, der Bedarf an sozialen Dienstleistungen ist vielfältig und hoch.

Das Netzwerk aus einer Vielzahl sozialer Dienstleistungen sowie eine hochprofessionelle, lebensnahe und schulpädagogische Begleitung sind der Schlüssel, um die Kinder auf ihrem Weg über die Brücke hinaus, aus der Roma-Lebenswelt, hin in die Welt der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ als Roma zu führen.

IV.             Empowerment im Roma-Viertel – die Arbeit im Quartier

Mit großem Respekt und Achtung verfolgen wir, wie die Menschen in unserem Umfeld ihr häufig karges und höchst unsicheres Leben in die Hand nehmen. Dabei eröffnen sich gerade in der Welt außerhalb des Roma-Viertels ungeahnte Möglichkeiten.

Sehr wohl gibt es Roma, die damit sehr gut zurechtkommen, die als gute Handwerker in der Region geschätzt oder erfolgreich als Arbeitsmigranten im europäischen Ausland tätig sind. Der wachsende Wohlstand im Viertel ist ein offensichtliches Zeichen für diesen Erfolg.

Als Handwerker kann man auch in Rumänien ganz gut Geld verdienen. Doch die Beschäftigungsverhältnisse in Rumänien und auch im europäischen Ausland, in denen Roma arbeiten, sind meist prekär und im unteren (Billig-) Lohnsektor.

Viele Menschen wünschen sich bessere und sicherere Lebensverhältnisse für ihre Kinder und sich selbst, wünschen sich, dass ihre Kinder die Schule besuchen. Den meisten Roma in unserem Umfeld ist aber weiterhin unklar, mit welchen persönlichen Aufwänden eine gute Schul- und Berufsausbildung verbunden ist.

Werteorientiertes Empowerment – Teilhabe geht nicht ohne Teilnahme

Von einzelnen Personen aber auch aus der Gemeinschaft heraus, kommen viel zu wenige Impulse, um die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben zu erreichen. Es fehlt am Engagement für sich selbst und die Gemeinschaft.

So verwundert es nicht, dass die Beiträge der Roma zu ihrer Entwicklung weiterhin viel zu passiv sind. Dabei stehen die Türen in der örtlichen Schule und bei BuKi offen. Wenn sich hinsichtlich den in der EU-RS formulierten Schwerpunktbereichen etwas ändern sollte, dann muss aus den Roma-Vierteln ein völlig anderes Signal und ein komplett anderes aktives Engagement kommen. Dieses zu fördern wäre ein wichtiger Baustein zur gewünschten Veränderung.

Wir befinden uns mit der EU-RS in einem klassischen top-down Veränderungsprozess. Dieser Prozess wird von einer politischen Elite initiiert – und es ist gut, dass er initiiert wurde – nur, er wird von weiten Teilen der Roma-Bevölkerung in den Vierteln nicht mitgetragen. Vor allem auch, weil er sie nicht erreicht. Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe braucht Impulse aus den Vierteln, es braucht ein Bottom-up, weil eine Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe ohne einen aktiven und engagierten Beitrag der betroffenen Roma nicht zu verwirklichen ist.

Ein werteorientiertes Empowerment der Roma in ihren Gemeinschaften und in ihren Vierteln, das Gestalten ihres Lebens und ihrer Gemeinschaft zu ihrem Wohle, rückt in den Fokus. Dieses Empowerment muss zentrale kulturelle Werte der Roma-Lebenswelt berücksichtigen, den Prozess der Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe modellieren und gleichzeitig die Identität der Roma bewahren.

Dabei müssen Bereiche der traditionellen Roma-Lebenswelten auf den Prüfstand, die in die offenen demokratischen Gesellschaften Europas nicht mehr passen und die die Roma-Gemeinschaften selbst stark belasten.

Überdacht werden müssten etwa die teils ausbeuterischen und menschenverachtenden Strukturen innerhalb der Gemeinschaften, ebenso das ausgeprägte Patriarchat und das konservative Rollenbild der Frau.

Werteorientiertes Empowerment heißt Stärkung der Gemeinschaften und das Engagement der Roma für ihre Gemeinschaften. Dazu bedarf es einer Plattform, in dem der Dialog und Prozess zur internen Meinungsbildung begleitet wird. NGOs könnten diese Prozesse begleiten. BuKi würde sich dieser Herausforderung stellen.

[1] EU Roma strategic framework for equality, inclusion and participation for 2020 -2030; COM(2020) 6220 final;[2] EU-RS, die Abkürzung der zuvor genannten Publikation. Sie wird auch EU-Roma-Strategie genannt.[3] Obwohl Cidreag und das BuKi-Haus in Rumänien liegen, wird im Ort Ungarisch gesprochen. Die Roma im Viertel sprechen Romanes, Ungarisch und viele darüber hinaus auch noch Rumänisch. Wir haben einen Jungen aus dem Projekt gefragt, ob er sich nun mehr als Ungar oder Rumäne fühle. Er meinte, mit seiner Hand an der Brust, ob Ungar oder Rumäne, das ist ihm egal, er sei Cigan.

Aus Respekt gegenüber allen Roma, die sich durch das Z-Wort gedemütigt fühlen, verwenden wir grundsätzlich den Ausdruck ‚Roma‘. Auch wenn die Roma in Cidreag sich selbst als ‚Cigan‘ bezeichnen und ihnen der Begriff ‚Roma‘ eher fremd erscheint.[4] EU Roma strategic framework for equality, inclusion and participation for 2020 -2030; COM(2020) 6220 final; Seite 4[5]    Mit dem leidigen Unterscheid, dass NGOs wie BuKi, von Förderungen der EU faktisch ausgeschlossen sind.[6] Der Begriff der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ wird in dieser Abhandlung in ‚‘ gesetzt. Er hat eine große Bedeutung in der Roma-Diskussion und ist gleichzeitig zu schwach und unpräzise, um die ihm zugewiesene tragende Rolle zu spielen. Er bricht für BuKi als NGO in der Armutsbekämpfung und im Bildungsprozess von Roma weg. Siehe dazu auch Seite 20.[7] Die Roma-Lebenswelten werden auf Seite 6 näher beschrieben.[8] Europäische Kommission, Vorschlag für eine Empfehlung des Rates zur Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma; {SWD(2020)530} S 3, S 9[9] Europäische Kommission, Vorschlag für eine Empfehlung des Rates zur Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma; {SWD(2020)530} S 23 ff, Horizontale Ziele: Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe; Sektorale Ziele: Bildung, Beschäftigung, Gesundheit- und Sozialdienste, Wohnraum[10] EU Roma strategic framework for equality, inclusion and participation for 2020 – 2030 (COM (2020) 620 final); S. 3ff[11] Europäische Kommission, Vorschlag für eine Empfehlung des Rates zur Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma; {SWD(2020)530} S 31 ff,[12] EU Roma strategic framework for equality, inclusion and participation for 2020 – 2030 (COM (2020) 620 final); S. 4 Promote participation through empowerment, cooperation and trust[13] EU-Grundrechtecharta sowie Europäische Kommission, Vorschlag für eine Empfehlung des Rates zur Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma; {SWD(2020)530} S 8 ff[14] Wikipedia[15] EU Roma strategic framework for equality, inclusion and participation for 2020 -2030; COM(2020) 6220 final; The national stratetic framework should set out: … capacity-building to promote the active participation of civil societey in all stages of policy-making and ensure its involvement in national and EU platform processes. S.6, 8;