Großbrand in einer Gemeinschaftsunterkunft, warum die Arbeitsmigration dennoch interessant bleibt

Bei einem Rundgang durchs Viertel haben wir Heini getroffen. Sie hat 10 Monate in Holland verbracht, wo sie in der fleischverarbeitenden Industrie tätig ist. Rasch kam sie auf den Brand zu sprechen, mit dem sie und ihre Mitbewohner am 8. August 2022 um 6.00 Uhr morgens, völlig überraschend in ihrer Unterkunft konfrontiert war.

Sichtlich bewegt erzählte Heini von ihren Erlebnissen. Sie hatte Frühschicht und war zu Beginn des Brandes nicht im Haus. Während des Großbrandes spielten sich dramatische Szenen ab. So konnten sich zwei Roma aus Cidreag nur mit einem Sprung aus den Fenstern vor den Flammen retten. Sie erlitten schwere Brüche und waren mehrere Wochen im Krankenhaus. Bis heute sind sie arbeitsunfähig. Auch weitere Roma wurden mit Verletzungen und Rauchvergiftungen im Krankenhaus behandelt. Die Unterkunft brannte komplett ab, das gesamte Hab und Gut der Menschen fiel den Flammen zum Opfer.

Doch trotz dieser Ereignisse stand es außer Frage, dass Heini wieder nach Holland zum Arbeiten fahren würde. Wie kommt es, dass eine Tätigkeit in Holland, von den eigenen Kindern und der Familie weit entfernt, solch einen Sog ausübt und so stark mit Hoffnungen und Wünschen verbunden ist?

Seit der Eröffnung des BuKi-Hauses im Jahr 2011 kennen wir Roma aus Cidreag, die im Ausland tätig sind. Zu Beginn fanden sie meist in der Landwirtschaft in Ungarn, Tschechien oder bei der Gurkenernte in Bayern eine Beschäftigung. Aktuell arbeiten die meisten Roma aus Cidreag in der Fleischverarbeitung in Holland. Mittlerweile sind aus sehr vielen Familie ein oder beide Elternteile für mehrere Monate im Jahr im Ausland tätig.

Unter den Arbeitern und Arbeiterinnen sind viele Mütter und Väter unserer BuKi-Kinder. Die Kinder werden in dieser Zeit bei Verwandtschaft oder Freunden im Dorf untergebracht. Für die Kinder ist dies oftmals ein traumatisches Erleben, vor allem wenn beide Elternteile die Familie verlassen.

Im Programm von BuKi beobachten wir, wie Kinder durch die Arbeitsmigration der Eltern in teils extreme traumatisierende Situationen geraten. In manchen Familien sind Mutter und Vater über ein Jahr nicht zuhause.

Bei einigen Familien im Dorf zahlt sich ihr Einsatz im Ausland aus, ein wachsender Wohlstand ist im Viertel sichtbar. Er zeigt sich vor allem an neu gebauten oder renovierten Häusern. Einige Arbeiter und Arbeiterinnen aber, vor allem jene, die weder Rechnen noch Schreiben können, scheinen nie aus ihren prekären Lebensumständen in Cidreag zu gelangen. Auch nach mehrjährigem Arbeiten im Ausland scheint es für sie keinen Weg aus ihrer stagnierenden Armut in ein besseres Leben zu geben.

Das Bild stellt beispielhaft dar, welche Arbeit die Roma aus Cidreag in der Fleischindustrie verrichten. 

Wie schaffen es Menschen, die nicht Lesen und Schreiben können und die vor allem die Sprache des Landes nicht sprechen, eine Arbeitsstelle im Ausland zu finden?

Fragen wir die Menschen, dann wissen sie meist nicht bei welcher Firma sie arbeiten oder in welcher Stadt sie wohnen. Häufig sind den Roma die Konditionen und Rahmenbedingungen ihres Arbeitseinsatzes völlig unklar. Im Vertrauen darauf, dass es bei anderen Roma im Ort klappt, ziehen sie los, ohne die Konditionen der Arbeitsstelle genau zu klären.

Diese Unwissenheit führt zu Risiken, die nicht automatisch bei allen Roma zu Verlusten oder zur Ausbeutung führt, aber bei vielen. Der Prozess der Arbeitsmigration wird von Vermittlern in den jeweiligen Firmen im Ausland oder von Kontaktpersonen im Roma-Viertel durchgeführt.

Keine Frage, die Vermittlung in legale Beschäftigungsverhältnisse ist aufwändig. Wie werden Fahrten durch Europa organisiert, Bankkonten eröffnet, Arbeitsverträge geschlossen, Wohnungen gefunden? Personen, die nicht lesen und schreiben können, schaffen dies ohne fremde Hilfe nicht.

Genau an dieser Stelle kommt es sehr häufig zur Ausbeutung, etwa bei überteuerten Mieten für schlechte Unterkünfte, bei hohen Kosten von Transfers von den Unterkünften zur Arbeitsstelle. Personen berichteten uns, dass sie im Voraus Geld für die Vermittlung einer Stelle bezahlt hätten, es aber nie zum Beschäftigungsverhältnis kam. Das Geld war verloren.

Eine besonders krasse Form der Ausbeutung wird sichtbar, wenn die Arbeitsvermittlung durch den Geldverleiher aus dem Viertel gesteuert wird. Menschen, die sich im Viertel bei Geldverleihern verschulden, unterliegen besonders schlechten Konditionen: innerhalb von vier Wochen müssen sie die Schuld plus 100% Zins aufbringen. Schaffen sie das nicht, verdoppelt sich der zurückzuzahlende Betrag. Menschen, die über nichts verfügen, geraten so in den Strudel der Schuldenfalle, die mit einer sklavenartigen Abhängigkeit vom Geldverleiher gleichzusetzen ist.

Einige Roma, die in Cidreag Schulden bei Geldverleiher haben, werden von ihm ins Ausland vermittelt und arbeiten in Holland oder Deutschland nur für ihn. Hierbei erledigt der Geldverleiher alles Bürokratische und Organisatorische und bekommt das gesamte Gehalt der Arbeiter und Arbeiterinnen. Uns sind Fälle bekannt, in denen Personen drei Jahre in Holland für den Geldverleiher arbeiteten und nach diesen drei Jahren ohne einen einzigen Cent in der Tasche nach Cidreag zurückkehrten.

Doch bei allen Schattenseiten der Arbeitsmigration: durchweg alle Roma berichten positiv von ihren Arbeitsaufenthalten im Ausland. Trotz des Brandes in der Unterkunft wollten sie in jedem Fall wieder zum Arbeiten nach Holland zurückkehren. Denn die Arbeitsmigration stellt eine große Chance für sie dar, auf ein kleines Haus in Cidreag, auf ein besseres Leben für sich und ihre Familien, auf eine Zukunft ohne Armut.