Kinderarmut im Roma-Viertel,
und wie wir sie in der Arbeit bei BuKi wahrnehmen.

Autoren: Charline Wagner und Stefan Zell

1. Einleitung

2. Kinderarmut

Um den Begriff der Kinderarmut zu verstehen ist eine allgemeine Definition von Armut hilfreich. Dies ist allerdings gar nicht so einfach, denn Armut „gehört zu den Begriffen, die im Alltagsbewusstsein verankert sind, unter denen aber jede/r etwas anderes versteht“ (Holz 2008).

2.1 Kinderarmut: Definition

Ein zentrales Kriterium ist häufig die Verfügbarkeit materieller Ressourcen – diese spiegeln aber nur einen Teil des multidimensionalen sozialen Phänomens wieder, welches von verschiedenen, ineinandergreifenden sozialen und ökonomischen Faktoren beeinflusst wird (vgl. Holm/Schulz 2004). Armut wirkt dabei auf mehreren Ebenen auf die Gestaltungs-, Handlungs- und Entscheidungsspielräume ein und bestimmt die individuelle und kollektive Lebenslage von Menschen (vgl. Holz 2008; Holm/Schulz 2004). Unterschieden wird zwischen einer absoluten sowie relativen Armut. Während ersteres sich auf die Bedrohung der Existenz von Betroffenen bezieht, handelt zweiteres von einer Unterversorgung im Verhältnis zum Wohlstand der Gesellschaft (vgl. Viele Wege, ein Ziel. Kieler Netzwerk gegen Kinderarmut o.J.). Von relativer Armut bedrohte Personen befinden sich in einer der folgenden drei Situationen: Entweder sie sind von Einkommensarmut bedroht, sie leiden unter materieller Deprivation oder leben in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbstätigkeit (vgl. Statista 2022a).
Aber was ist Kinderarmut? Diese bezieht sich explizit auf die Folgen familiärer Einkommensarmut bei Kindern und Jugendlichen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2016). Es ist dabei „von einem höchst komplexen Zusammenspiel verschiedener individueller, familiärer und sozialer Faktoren auszugehen“ (Holz 2008).
2.2 Kinderarmut: Statistik
Rumänien ist zum Stand 2020 mit 36,1 Prozent das EU-Land mit dem höchsten Armutsrisiko für Kinder. In Deutschland liegt der Wert bei 25,4 Prozent und ist damit ebenfalls über dem europäischen Durchschnitt von 22,9 Prozent (vgl. Statista 2022b). Betrachtet man die Entwicklung der Einkommensarmut von 1995 bis 2015, wird deutlich, dass insbesondere bei Familien mit drei oder mehr Kindern die Armutsquote von 34 Prozent (1995) hin zu 73,1 Prozent stark angestiegen ist (vgl. Eurostat 2018). Bei alleinerziehenden Elternteilen ist ein leichter Anstieg auf 30,7 Prozent festzustellen und 55,5 Prozent der arbeitslosen Menschen in Rumänien sind 2015 einkommensarm. Im Vergleich dazu liegt die Einkommensarmut zeitgleich in Deutschland bei Alleinerziehenden bei 29,4 Prozent, bei Familien mit drei oder mehr Kindern bei 14,0 Prozent und bei Arbeitslosen bei 69,1 Prozent vgl. (ebd.). Die Europäische Kommission (2020) zeigt außerdem, dass das Armutsrisiko von Roma in Rumänien bei 70 Prozent liegt, in der Gesamtbevölkerung hingegen nur bei 23,5 Prozent – bei Kindern aus Roma-Familien ist das Risiko sogar bei 78 Prozent.

3. Kinderarmut: Ursachen

Bei Kinderarmut liegt der Ausgangspunkt in der Einkommensarmut – genauer gesagt in einer einkommensarmen Familie – sie steht also immer unter dem „Deckmantel der Familienarmut“ (Viele Wege, ein Ziel. Kieler Netzwerk gegen Kinderarmut o.J.). Die wesentlichen Ursachen der Armut Erwachsener sind eine langzeitige Erwerbslosigkeit, zeitlich geringe oder schlecht bezahlte Erwerbstätigkeit (vgl. Holz 2008). Auch Überschuldung, Scheidung, Diskriminierung oder andere Problemlagen können Auslöser von Armut sein. Ein besonders hohes Armutsrisiko bilden auch Merkmale wie ein Migrationshintergrund, alleinerziehende, kinderreiche Familien, ein niedriges Bildungsniveau und/oder das Leben in sozial benachteiligten Vierteln (vgl. Holz 2008; Klocke 1998). Kinder, die in einem Haushalt mit einem oder mehreren der genannten Faktoren belastet leben, haben ein erhöhtes Risiko der Armutsgefährdung (vgl. Holz 2008). Dabei zeigen sich „kindspezifische Erscheinungsformen von Armut in Gestalt von materieller, kultureller, gesundheitlicher und sozialer Unterversorgung“ (ebd.). Durch die damit einhergehenden eingeschränkten Entwicklungsbedingungen, Benachteiligungen in der Teilhabe und einer möglichen multiplen Deprivation sind die Zukunftsaussichten betroffener Kinder beeinträchtigt (vgl. ebd.). Zeitpunkt, Dauer und Ausmaß der Armut haben dabei einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder. In schwierigen Fällen kann dadurch ein Teufelskreis sozialer Ausgrenzung geprägt von Missachtung, fehlender Wertschätzung und Schuldzuweisungen sowie eine durch Scham und konflikthaftes Bewältigungsverhalten ausgelöste Selbstausgrenzung die Folge sein (vgl. Holz 2008). Ein geringes kulturelles Kapital und Bildungsdefizite sind deshalb auch nicht die Ursache von Armut, sondern umgekehrt ist das Aufwachsen in Armut ein zentrales Kriterium für einen Mangel an Bildungs- und gesellschaftlicher Teilhabe (vgl. Kohlrausch 2018). Denn „(…) je weniger kulturelles Kapital einer Familie zur Verfügung steht, umso geringer sind die Chancen zur Entwicklung sozialer Kompetenzen außerhalb der Familie“ (Butterwegge/Holm/Zander 2004). Soziale Ungleichheit kann so verstärkt werden und das Risiko von Bildungsarmut begünstigen, sodass auch die Gefahr materieller Armut weiter steigt (vgl. Kohlrausch 2018). „Über den Zugang zu Bildung wird Armut somit auch sozial vererbt“ (ebd.).

4. Kinder(-armut) in Rumänien

Humanium (o.J.) beschreibt acht Problempunkte, denen Kinder in Rumänien begegnen, sodass die Einhaltung der EU-Kinderrechtskonventionen an vielen Stellen nicht gegeben ist. Zunächst ist die schlechte wirtschaftliche Lage und damit einhergehende Armut Rumäniens im generellen ein Problem. In Armut lebende Familien bekommen häufig nicht die notwendige Unterstützung vom Staat und können viele Grundrechte nicht wahrnehmen. Auch der Zugang zu ausreichend medizinischer Versorgung sowie Bildung ist beschränkt. Insbesondere in ländlichen Regionen ist schätzungsweise ca. ein Prozent der Kinder armutsbedingt zur Arbeit gezwungen. Die medizinische Versorgung ist vor allem auf dem Land durch einen großen Ärztemangel eingeschränkt. Bereits in der Schwangerschaft fehlt deshalb an vielen Stellen eine ausreichende Betreuung und auch im Kindesalter sterben ca. zwölf Prozent vor dem fünften Lebensjahr, da die in Rumänien lebenden Kinder anfälliger für Krankheiten sind. Hinzu kommt, dass sowohl in der Familie als auch durch Behörden vermehrt psychische, körperliche und sexuelle Gewalt auf Kinder ausgeübt wird. Auch Kinderhandel ist in Rumänien eine problematische Thematik. Von der Armut gezwungen werden Kinder von Mafiabanden kontrolliert, müssen im Ausland kriminell werden oder sich prostituieren. Diese Erfahrungen gehen mit einer starken psychischen sowie körperlichen Traumatisierung einher und ein Entkommen ist häufig nur schwer möglich. Insbesondere die Roma-Bevölkerung ist in Rumänien noch immer von starker Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen, sowohl auf gesellschaftlicher als auch institutioneller Ebene. Etwa 40 Prozent der Roma leben unterhalb der Armutsgrenze und haben eine Lebenserwartung, die 15 Jahre unter dem Durschnitt der rumänischen Bevölkerung liegt. Der Zugang zu Bildung, Arbeitsplätzen, Gesundheits- und Sozialleistungen ist für Roma außerdem besonders eingeschränkt, was zu einer noch stärkeren Benachteiligung führt. Das Recht auf Bildung ist allerdings für alle in Rumänien lebenden Kinder begrenzt, da die Ausgaben für Bildung (Aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage) zu einem Rückgang der Lehrkräfte geführt hat und somit auch die Qualität von Bildung abgenommen hat. Zuletzt ist auch das Recht auf Identität bei vielen Kindern vorbehaltlich, da nicht jede Geburt registriert wird, sodass es keine offiziellen Dokumente gibt. Das wiederum führt zu einem eingeschränkten Zugang öffentlicher Einrichtung und verstärkt die Benachteiligung weiter. (vgl. Humanium o.J.)

5. Roma-Familien im Rumänien

Mit einer europaweit geschätzten Anzahl von acht bis elf Millionen Roma lassen sich diese als größte ethnische Minderheit ohne eigenes Land definieren (vgl. Schickl 2015). Im vorherigen Kapitel wurde bereits die generelle Problematik der Kinderarmut in Rumänien geschildert und dabei auf die Diskriminierung gegenüber des Roma-Volkes im Land hingewiesen. Im weiteren Verlauf geht die Arbeit genauer auf die Situation der Roma-Familien ein, um den Ursachen für die stark ausgeprägte Armut auf den Grund zu gehen. Im Kapitel zwei wurde erläutert, dass Kinderarmut immer im Kontext der Familienarmut gesehen werden muss. Im Folgenden wird deshalb nicht nur die Situation von Roma-Kindern, sondern die allgemeine Situation von Roma-Familien beschrieben.

5.1 Die allgemeine Situation von Roma-Familien in Rumänien
Von den in Rumänien ca. zwei Millionen lebenden Roma befinden sich die meisten am untersten Rand der Armutsgrenze und haben ein durchschnittliches Einkommen von weniger als 3,90 Euro pro Tag (vgl. Mappes-Niediek 2013). In der Mehrheitsgesellschaft spalten sich die Meinungen bezüglich des Umgangs mit den Roma und unterscheiden sich zu denen anderer europäischer Staaten (vgl. Quicker 2018). In Deutschland beispielsweise schwankt die durchschnittliche Einstellung gegenüber der Roma-Gemeinschaft zwischen leichter Ablehnung und Gleichgültigkeit, in Rumänien hingegen spielt das ‚Feindbild‘ eine weitaus größere Rolle (vgl. ebd.). Eine Studie von Quicker (2018) verdeutlichte diesbezüglich, dass die Stereotype zur Roma-Gesellschaft von großen Teilen der Gesellschaft – insbesondere in akademischen Kreisen – verinnerlicht wurden, und sowohl im individuellen Umgang mit den Roma als auch in politischen Entscheidungen großen Einfluss nehmen (vgl. ebd.). Der Rassismus gegen Rom:nja ist daher nicht nur in rechten Kreisen, sondern in allen sozialen Schichten vertreten und reicht bis in Institutionen wie Behörden, Justiz oder Polizei (vgl. Lausberg 2015).
Oprescu (2008) fasst zusammen: „Die Roma in Rumänien (und Mittel- und Osteuropa) haben sich hauptsächlich Problemen zu stellen, die mit politischen und staatlichen Umbruchsphasen einhergehen. Dazu gehören Armut, geringes Bildungsniveau, Subsistenzwirtschaft, Arbeitslosigkeit und gesundheitsschädliches Verhalten, Krisen traditioneller Lebensformen, häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder, Korruption, Ineffizienz der öffentlichen Einrichtung sowie geringe Aufnahmefähigkeit ausländischer Interventionen und Fördergelder“ (ebd.).

5.2 (Kinder-)Armut im Roma-Kontext

Nachdem ein Bild von der Lage von Roma-Familien in Rumänien skizziert wurde, soll nun der Frage nachgegangen werden, wieso sich an der Armutssituation der Roma auch heute noch kaum etwas zu verändern scheint. Wie bereits im Kapitel zwei beschrieben, steht Kinderarmut immer im Kontext der Familienarmut. Verschiedene Faktoren wie die Armut an sich, die von Rassismus geprägte Gesellschaft, der Mangel an Bildung sowie politische Aspekte scheinen dabei miteinander verknüpft zu sein und beeinflussen sich gegenseitig. Die expliziten Ursachen sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden.
Mappes-Niediek (2013) sieht die Armut selbst als „Dreh- und Angelpunkt des Problems“ (ebd.), da Ursache und Wirkung diesbezüglich häufig vertauscht werden. Damit kritisiert er, dass die Diskriminierung und Ausgrenzung der Roma als Grund für ihre Armut deklariert wird, obwohl die eigentliche Problematik in der aus mangelnden Arbeitsplätzen resultierenden Armut liegt (vgl. ebd.). Für ihn steht fest, „in Wirklichkeit hat in den genannten Ländern niemand, der nach Roma ‚riecht‘, so aussieht, der eine einschlägige Adresse vorweist oder einen entsprechenden Namen trägt, auf dem privaten Arbeitsmarkt eine Chance“ (Mappes-Niediek 2013). Der Autor bezieht sich dabei auch auf die erste Studie zur Situation der Roma in Rumänien von Catalin Zamfir (1941), welche ebenfalls die soziale Situation, den Kapitalismus sowie die damit verbundene Kürzung der Arbeitsplätze für die Diskriminierung verantwortlich macht (vgl. Mappes-Niediek 2013). Die starke Armut wirkt sich – neben den fehlenden Möglichkeiten zur Befriedigung der Grundbedürfnisse sowie sozioökonomischer Entwicklung – außerdem auch auf das Wertesystem der Betroffenen bzw. dessen nicht-veränderbarkeit aus (vgl. Schüler 2007). Denn ohne die Sicherheit einer Existenzgrundlage ist der tägliche Kampf des Überlebens wichtiger als gesellschaftliche Anerkennung, sodass armutsbedingte Mechanismen zu einer Selbstexklusion führen. Angemerkt werden soll an dieser Stelle aber, dass diese Denkmechanismen keine spezifischen Merkmale der Roma sind, sondern sich auch auf andere von starker Armut betroffenen Menschen bezieht (vgl. ebd.).
Hinzu kommen die in der Arbeit bereits deutlich gewordenen, historisch tief verwurzelten Ressentiments, welche in allen Gesellschaftsschichten vertreten sind (vgl. Oprescu 2008). Durch die unterschiedlichen Lebensstile, die fremde Sprache sowie ein von der Mehrheitsgesellschaft abweichendes äußeres Erscheinungsbild haben die in der Geschichte gegründeten Stereotype sich bis heute nicht auflösen können (vgl. Leidgeb/Horn 1994). In der bereits erwähnten Studie von Quicker (2018) wurde deutlich, dass die Kinder und Jugendlichen nur wenig Wissen zur rumänischen Vorgeschichte aufwiesen, sodass eine Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Hintergründen der Roma-Kultur und dem Holocaust weitestgehend ausgeschlossen werden kann. Da eine Reflexion bezüglich rassistischer Vorurteile nie stattgefunden hat, sind diese sowohl in den Medien als auch im Sprachgebrauch täglich vorzufinden (vgl. ebd.). Mit den Vorurteilen einhergehend macht sich auch eine gravierende Benachteiligung im Bereich der Bildung bemerkbar. Da Eltern der Mehrheitsgesellschaft ihre Kinder nicht gemeinsam mit Roma-Kindern unterrichtet sehen möchten, werden diese häufig auf Sonderschulen untergebracht oder erhalten einen separierten Lernplan (vgl. Schickl 2015). „Das schlichte Argument dafür ist, dass Roma eben dümmer seien als andere“ (Mappes-Niediek 2013). Grundsätzlich ist die Rate von Schulbesuchen bei Roma-Kindern in Ost- und Südosteuropa nicht sehr hoch und der Wert von Bildung nimmt einen niedrigen Stellenwert ein. Neben der Ausgrenzung gegenüber normalen Schulformen hängt dieses Phänomen auch damit zusammen, dass Roma-Kinder aufgrund ihres Aussehens, der mangelnden Hygiene oder schlechteren Aussprache häufiges Opfer von Mobbing sind (vgl. ebd.). Die Folge ist „eine anhaltende Aschenputtelpädagogik , die ungerecht ist und gerechte Bildung verhindert“ (Schickl 2015).
Die institutionelle Diskriminierung wirkt sich neben dem Schulsektor aber auch auf andere Bereiche aus. Durch die von Rassismus geprägte Berichterstattung in den Medien und andere Mittel der Propaganda nationalistischer Vereine verschärfen sich Vorurteile gegen die Roma-Bevölkerung weiter (vgl. Schüler 2007: 264). Statt einer Verbesserung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt wird eine Minderheitenpolitik verfolgt, welche der grundlegend problematischen Armut nicht entgegenwirkt (vgl. Mappes-Niediek 2013: 13). Die Fonds, welche zur Unterstützung der Roma verfügbar sind, werden nur in einem sehr geringen Anteil für diese eingesetzt (vgl. ebd.). Dieses Vorgehen erklärt Mappes-Niediek (2013) dadurch, dass ein Gemeinderat, welcher Gelder zur Verbesserung der Lebensumstände von Roma einsetzt, kein zweites Mal gewählt wird (vgl. ebd.). Leidgeb & Horn (1994) machen ebenfalls die rumänische Politik für den ungebrochenen Rassismus gegenüber Roma verantwortlich und unterteilen die Unterdrückungs- und Verfolgungsmechanismen in drei Kategorien (vgl. ebd.). Zunächst sind staatliche Institutionen wie beispielsweise die Schule, Betriebe oder das Militär zu nennen. Im zweiten Punkt wird die „organisierte ‚privatisierte‘ Gewalt“ (ebd.) genannt und meint damit politische Organisationen. Der letzte Punkt beinhaltet die von privaten Organisationen ausgeübte „individuelle, private Gewalt“ (ebd.). Insbesondere politische Organisationen wie die PRM , Noua Dreaptra oder PUNR , aber auch kleinere neonazistische Gruppen betreiben immer wieder Hetze gegen Roma oder andere Minderheiten (vgl. Lausberg 2015). Da auch Justiz, Polizei und andere Behörden vom institutionellen Rassismus geprägt sind, werden gewalttätige Ausschreitungen häufig gar nicht oder nicht ausreichend verfolgt bzw. bestraft (vgl. ebd.).
Die Auswirkungen der Antiziganismus haben also gravierende Auswirkungen auf Roma-Familien und machen sich in allen Lebensbereichen bemerkbar. Damit ist ein Teufelskreis entstanden, der nur sehr schwer zu durchbrechen scheint.

6. Folgen von Kinderarmut

„Ein durch Armut eingeschränkter Zugang zu Bildung, Gesundheit, angemessener und gesunder Ernährung oder anderen grundlegenden Leistungen gerade in der Entwicklungsphase von Kindern hat langfristige Konsequenzen für ihr Leben und geht oft mit sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung einher“ (UNICEF 2021).

Die Bertelsmann Stiftung (2016) hat die Folgen von Kinderarmut anhand der Unterteilung in vier zentrale Lebenslagendimensionen beschrieben und dabei zwischen der materiellen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Lage unterschieden. Das Einkommen einer Familie hat sowohl Einfluss auf die materielle Versorgung, aber auch die Teilhabemöglichkeiten der zugehörigen Kinder. Ein niedriges Einkommen kann deshalb die soziale sowie kulturelle Teilhabe stark behindern und bspw. eine außerhäusliche Betreuung verhindern. Ein qualitativ mangelhaftes Wohnumfeld kann durch den fehlenden Platz die soziale Situation innerhalb der Familie sowie soziale Kontakte außerhalb der Familie weiter belasten. Zwar muss Armut nicht zwingend zu einer Einschränkung sozialer Beziehungen führen, sie kann diese aber erschweren. Mit sechs Jahren zeigen Kinder aus armen Familien deshalb doppelt so häufig soziale und emotionale Auffälligkeiten. Durch die eingeschränkten Teilhabemöglichkeiten sind sie häufig schlechter in sozialen Netzwerken eingebunden, was wiederum weniger Selbstbewusstsein und Verhaltensauffälligkeiten verursachen kann. Die Eltern sind für Kinder und Jugendliche deshalb häufiger eine wichtige soziale Ressource als für Gleichaltrige aus gesicherten ökonomischen Verhältnissen. Arme Kinder nehmen beispielsweise weniger am Gruppengeschehen einer Kita teil, äußern seltener Wünsche und werden häufiger ausgegrenzt. Auch im Bildungssektor erfahren arme Kinder eine Benachteiligung, da ihnen wichtige Lern- und Erfahrungsräume fehlen, denn das Einkommen der Familie beeinflusst auch die Teilnahme an Kultur-, Bildungs- und Freizeitangeboten. Etwa die Hälfte der Kinder zeigt ein auffälliges Spiel-, Sprach- und Arbeitsverhalten, sodass die schulischen Leistungen negativ beeinflusst werden können. Zuletzt belegen mehrere Studien zu Kinderarmut, dass die psychische Gesundheit und körperliche Entwicklung von Kindern im Kontext materieller Armut leidet. (vgl. Holz 2008; Bertelsmann Stiftung 2016) Erkrankungen werden weniger häufig behandelt und es treten vermehrt Emotionen wie „Machtlosigkeit, Abhängigkeit, Verlust von kultureller Identität und würdeloser Behandlung“ (Holm 2004) auf.

Die Bertelsmann Stiftung (2016) hält fest: „Armut beeinflusst die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen maßgeblich: Häufig erleben sie gleich in mehreren Lebenslagen Unterversorgung und sind mit komplexen Problemlagen konfrontiert, die sich über die Zeit festigen können“ (ebd.). Armut gilt deshalb als größter Risikofaktor für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (vgl. Holz 2008). Im folgenden Kapitel sollen deshalb Maßnahmen beschreiben werden, die zur Reduzierung und Verbesserung von Kinderarmut beitragen können.

7. Maßnahmen gegen Kinderarmut

Kinder selbst sind „der Schlüssel zur Beseitigung von Armut, denn verbesserte Teilhabe- und Entwicklungschancen von Kindern reduzieren Ungleichheiten und ermöglichen gesellschaftliche Entwicklungen“ (UNICEF 2021).

Nach rechtlicher Grundlage der UN-Kinderrechtskonvention haben alle Kinder umfangreiche Rechte bezüglich jeder Lebenslage. Dazu gehört ein Diskriminierungsverbot, das Recht auf Identität, das Recht auf Freiheit, soziale Rechte sowie ein Schutz vor Ausbeutung und Gewalt (vgl. Holm 2004). Neben einem passenden rechtlichen Rahmen und der nötigen Infrastruktur ist die Umsetzung der Kinderrechte auch von der Politik abhängig (vgl. UNICEF 2021). Seit den 1970er Jahren sind Armutsprogramme in der EU regelmäßiges Thema und haben dabei insbesondere die Vermeidung von Ausgrenzung und Förderung der Teilnahme aller Akteure im Fokus (vgl. Butterwegge/Holm/Zander 2004). Um Kinderarmut zu reduzieren, gilt es fünf politische Felder zu verknüpfen. Dazu gehören die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, die Familienpolitik, Bildungspolitik, Gesundheits- und Sozialpolitik sowie die Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaupolitik (vgl. Butterwegge 2007). Hilfreiche Maßnahmen wären dabei beispielsweise eine Umverteilung der Arbeit hin zu flexibleren Arbeitszeiten, um einen (Wieder-)einstieg ins Arbeitsleben zu erleichtern und ein Ausbau öffentlicher Beratungs-, Betreuungs- und Bildungsangebote, sodass insbesondere sozial benachteiligte Kinder mehr Förderung erhalten (vgl. ebd.). Auch familienpolitische Maßnahmen zur Verbesserung der Generationen- bzw. Geschlechtergerechtigkeit sind hilfreich, sodass nicht die Familie, sondern die abhängigen Mitglieder mehr gefördert werden (vgl. Butterwegge/Hom/Zander 2004).

Wie bereits erwähnt, ist der Ausbau von Betreuungs- und Bildungsangeboten ein wichtiger Teil zur Verbesserung der Kinderarmut. Allein die damit verbundene Entlastung der Eltern hat eine positive Wirkung, denn neben familiären und außerfamiliären Ressourcen haben auch Förderangebote und Sozialisationsinstanzen einen erheblichen Einfluss auf die (früh-)kindliche Entwicklung (vgl. Holz 2008). Auch die ASO-ISS-Studien belegen, dass KiTas und Schulen den sozialen Bildungserfolg positiv beeinflussen können. Eine zusätzliche Betreuung, wie sie in bspw. Ganztagsschulen oder außerschulischen Betreuungseinrichtungen gegeben ist, hat einen doppelten Effekt: Zum einen können benachteiligte Kinder und Jugendliche dort umfangreich gefördert werden, zum anderen können Eltern leichter einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen und deshalb finanzielle Probleme verringern (vgl. Butterwegge 2007). Neben der Betreuung spielt auch die Bildung als solches eine Rolle bei der Verringerung von Armut: Zunächst einmal „finden die Probleme von Natur und Gesellschaft Eingang in das Denken der Menschen, und das ermöglicht es ihnen, ein erfüllteres und reicheres Leben zu führen“ (Streeten 2004). Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind außerdem aufgeschlossener, motivierter und produktiver. Ein weiterer Aspekt ist die Reduktion des Bevölkerungswachstums, der v.a. im Bezug zu mehr Bildung bei Mädchen und Frauen eine Rolle spielt. Denn Bildung verringert die Kindersterblichkeit, Fruchtbarkeit und verringert die Morbidität sowie einen vorzeitigen Schulausstieg. Mit einer verpflichtenden Grundschulpflicht wird auch die Problematik der Kinderarbeit verbessert und sorgt damit einhergehend auch für weniger Ungleichheit. Wenn es für Menschen mit Bildung auch ausreichend Arbeitsplätze gibt, führen diese zu mehr sozialer sowie politischer Stabilität. Neben besseren Bildungs- und Betreuungsangebot sowie anderen politischen Maßnahmen können weitere Schutzfaktoren zur Verringerung der Kinderarmut beitragen. Soziale Ressourcen wie eine enge Beziehung zu mindestens einem Elternteil oder anderen Erwachsenen, kognitive Fähigkeiten, ein gesundes Selbstwertgefühl und Erfolgs- und Leistungserleben auch außerhalb der Schule können die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflussen. (vgl. ebd.)

Abschließend lässt sich deshalb festhalten: „Da sich Kinderarmut nicht monokausal erklären und auf eine Ursache reduzieren lässt, kann sie nur mehrdimensional bekämpft werden.“ (Butterwegge 2007). Bildungseinrichtungen wie BuKi sind also nicht die alleinige Lösung zur Problematik der Kinderarmut in Rumänien, sie leisten aber einen wichtigen Teil zur Verbesserung der Bildungssituation im Land, sodass die Teilhabechancen der Kinder und Jugendlichen erhöht werden.

Literaturverzeichnis

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