Als Lena Schmitt am 2. März ihre Praktikumsstelle bei BuKi in Cidreag antrat, war klar, dass sie sechs Monate bleiben würde. Zwei Wochen später fuhr sie zurück nach Deutschland. Zur gleichen Zeit vor Ort war Lukas Herfeld, ehemaliger Praktikant von BuKi. Er sollte den Praktikumseinstieg von Lena begleiten. Beide wurden in gleicher Weise von der Corona-Krise überrascht. Acht Wochen später blickt Lena zurück, auf die schwierigen Stunden ihrer Entscheidung aber auch auf Lukas, der noch heute vor Ort in Cidreag ist: Von einem der blieb, wo alle anderen gegangen sind.

Lena Schmitt mit Kindern

Lena Schmitt mit Kindern

Lukas Herfeld ist Student der Sozialen Arbeit. Anfang März ist er nach Cidreag gefahren, um zwei Wochen dort zu verbringen. Nun, Anfang Mai, ist er immer noch vor Ort, um bei BuKi zu arbeiten und in Cidreag zu leben.

Ich, Lena, bin ebenfalls Studentin der Sozialen Arbeit und wollte ursprünglich ein halbes Jahr bei BuKi in Cidreag verbringen, um mich selbst, mein Handeln und Denken zu erkennen und zu entwickeln. Meine ersten beiden Wochen im März, verbrachte ich mit Lukas in Cidreag. Jedoch sollten diese vorerst meine letzten Wochen sein, da ich aufgrund der Corona-Krise meine Pläne geändert habe. Die Entwicklungen in Europa haben mich zur damaligen Zeit sehr beunruhigt. Die Sorgen um meine Liebsten und die Schließung von BuKi haben mir Angst eingejagt. Nach zwei Wochen bin ich schweren Herzens zurück nach Deutschland gefahren. Einen Tag, nachdem ich den Nachhauseweg angetreten habe, haben viele der Grenzen in Europa geschlossen. Mit einem Misch der Gefühle blickte ich auf meine Entscheidung zurück und bin bis heute im ständigen Kontakt zu Lukas.

Für ihn hat sich die Situation seitdem drastisch verändert. War er zu Beginn noch dort, um die Zeit mit den Familien und allein zu genießen, kristallisierten sich mit der Zeit notwendige Aufgaben heraus, für die er Verantwortung übernehmen musste. Am 27. März war Lukas zu Besuch bei einigen Familien im Roma-Viertel und traf auf viele verzweifelte Gesichter.

Die Situation hat sich durch die Corona-Krise drastisch zugespitzt, einige der Familien hatten kaum mehr etwas zu essen, da die Einnahmen fehlten. Sie weinten, hatten Hunger und Angst. Ohne Lukas hätte niemand von diesen Umständen erfahren, da das BuKi-Haus geschlossen und die Mitarbeiter beurlaubt waren. Somit brachte Lukas den Stein ins Rollen und hat seitdem die Verantwortung für viele Aufgaben zu tragen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Organisation und Durchführung der Lebensmittelaktionen für die Menschen, die gerade in dieser schwierigen Zeit, vor ganz neuen Herausforderungen stehen.

Somit ist Lukas zurzeit die Stütze vor Ort, der eher zufällig in diese Aufgabe hineingewachsen ist. Er ist dageblieben, als ich zurück nach Deutschland gegangen bin. Um zu verstehen, wie er gerade die Welt im kleinen Dorf Cidreag erlebt, mit welchen Überzeugungen und Antrieben er seiner Arbeit nachgeht, welche Schwierigkeiten entstehen und welche Erfolge er wahrnimmt, habe ich ihm 25 Fragen gestellt, die er mir ausführlich beantwortet hat und auf die ich im folgenden Artikel eingehen werde:

Wie Lukas zu BuKi gekommen ist, wieso er immer wieder dorthin zurückkommt und welche Rolle BuKI im kleinen Dorf Cidreag spielt:

Lukas absolvierte 2015/2016 einen Freiwilligendient in der Ukraine. Seine damalige Mitfreiwillige und gute Freundin hat anschließend ein Praktikum bei BuKi in Rumänien gemacht. Schon bevor Lukas sie dort besuchen kam, wusste er, dass auch er dort ein Praktikum absolvieren würde. Cidreag ist für Lukas wie eine zweite Heimat geworden. Seit er den Kontakt zu BuKi geknüpft hat, fährt er regelmäßig hin, um in Cidreag zu arbeiten, zu leben und zu erfahren.

Für Lukas besteht BuKis Rolle in Cidreag nicht darin, die Leute zu verändern oder aus ihren Lebensumständen wegzuführen, indem man sie dort herausbringt, sondern vielmehr darin, Möglichkeiten anzubieten und aufzuzeigen, zu begleiten und durch Fragen neue Ideen anzuregen, wie das Leben gelebt werden kann.

Lukas beruft sich dabei auf das Zitat von Hermann Hesse: „Wir können einander verstehen, aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ „Vielleicht ist ja das dann die Aufgabe – den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu deuten?“

Wie Lukas Pläne ursprünglich waren, wieso er im März geblieben ist und wie es jetzt weitergeht:

Als Lukas im März nach Cidreag gefahren ist, freute er sich auf zwei Wochen mit den Kindern, auf Buli (=Party für die Kinder) und auf Stockbrot. Anschließend wollte er wieder nach Hause fahren, um weiter zu studieren und einen Nebenjob in einer Schule zu beginnen.

Die Entscheidung, in Cidreag zu bleiben, „war eine reine Gefühlsentscheidung“, denn „die Aussicht hier allein zu sein und das alles auf mich zukommen zu lassen, hat sich einfach richtig gut angefühlt“.

Die erste Zeit erlebte Lukas als stressig, da er vielen Ungewissheiten aufgrund der Corona-Regeln entgegensah. Die Angst davor, wochenlang allein im Kinga-Haus (Wohnhaus der Praktikanten) zu verbringen, gab ihm ein mulmiges Gefühl. Außerdem war er um die Familien besorgt und wie sich die Situation für sie entwickeln würde. Jedoch wurde die Angst bald durch Aufregung abgelöst. „Viele Herausforderungen und Unklarheiten hielten mich auf Trab und ließen mich abends meistens nachdenklich, aber zufrieden zu Bett gehen“.

Sein Plan jetzt ist es, erst einmal in Cidreag zu bleiben. Durch eine Verschiebung der Fristen an der Hochschule in Deutschland, kann er diesem ohne Druck nachgehen. Wie lange er vor Ort bleibt und wie es dann weiter geht, das weiß er noch nicht, „darum kümmert sich der Zukunftslukas“, je nachdem, wo es ihn dann als nächstes hinzieht und was ihn antreibt, „Fernweh oder Heimatwunsch“.

Diese Frage stellt sich allerdings im Moment nicht, denn jetzt sind ganz konkret immer mehr Familien auf die Lebensmittelhilfen von BuKi angewiesen. Waren es zu Beginn der Hilfen noch 26 Familien, so sind bereits 50 Familien, insgesamt 200 Personen von Hunger bedroht.

Die Zielgruppe von BuKi, wie Lukas seine Kontakte ins Viertel pflegt und wieso es ihm so wichtig ist

Lukas hält seine Kontakte zu den Roma-Familien, indem er sich immer „auf die kleinen Abenteuer des Alltags“ einlässt. Das reicht von „kleinen niedrigschwelligen Gesprächen auf den Straßen, über Einladungen zum Essen hin zu spontan Besuchen bei Menschen, die ich eigentlich gar nicht so gut kenne“. Durch Lukas enge Beziehung zu den Familien, konnte ihre derzeitige Not erkannt werden. Viele der Familien haben Vertrauen zu ihm, erzählen ihm von ihren Problemen und bitten Lukas um Hilfe. Dieser Kontakt zu den Menschen ist für BuKi und gerade in dieser Krisen-Zeit unerlässlich, um die Hilfen der Bedarfe der Menschen anzupassen und weiterzuentwickeln.

Lukas geht die Menschen vor Ort direkt besuchen, weil er sie schätzt und oft davon erstaunt ist „wie viel Stärke und Ressourcen hier im Dorf zu finden sind“, man muss sich nur darauf einlassen. Außerdem empfindet er es immer wieder wie ein Abenteuer, sich „immer mehr auf das soziale Miteinander hier einzulassen“ und zu schauen welche „neuen Facetten, Überraschungen und Erkenntnisse“ noch kommen werden. Die vorhandenen Ressourcen werden ihm gerade auch jetzt in der Krisen-Zeit bewusst, indem sich viele Familien gegenseitig helfen und unterstützen.

Wie es Lukas angesichts der Corona-Krise geht und wie er mit der Ausgangsbeschränkung umgeht

Während Corona gerade das große Thema auf der ganzen Welt ist, nimmt es Lukas in Cidreag auf eine ganz andere Weise wahr, da vor Ort „ganz hautnah, die Menschen vom Hunger bedroht sind“. Die herrschenden Regelungen zur Eindämmung des Corona-Virus betreffen jedoch auch Lukas in seiner Arbeit: Zurzeit besteht eine Ausgangsbeschränkung in Rumänien – um vor die Tür zu gehen, benötigt man ein Dokument von der Kommunalverwaltung, die schriftlich den Grund für das Nach-draußen-gehen dokumentiert. Generell gibt es lediglich zwei Gründe, das Haus verlassen zu dürfen: Arbeiten und Einkaufen.

Mit der Einführung dieser Regelung gab es für Lukas zu Beginn seiner Tätigkeiten große Schwierigkeiten, da auch er nicht ohne Formular das Haus verlassen durfte. Somit wurde er offiziell als Mitarbeiter bei BuKi angestellt, damit er bei seinen wichtigen täglichen Aufgaben nicht mit dem Gesetz kollidierte.

Mit der Corona-Krise stehen vor allem die Familien in Cidreag weiteren Herausforderungen gegenüber. Die Kinder trifft es dabei besonders hart, da sie keine Möglichkeiten haben, die Materialien für den Unterricht zu bearbeiten. Die per E-Mail verschickten Arbeitsblätter und Hausaufgaben erreichen nicht das Roma-Viertel. Ohne PC, ohne Stifte und ohne einen Platz zum Arbeiten, können die Kinder verpassten Unterricht nicht nachholen. Die Bildungslücke wächst somit weiter und wird größer.

Weiterhin ist es vielen Familien nicht möglich, das Dokument der Kommunalverwaltung auszufüllen. Viele Familien können nicht lesen und nicht schreiben, haben keinen Drucker und keine Stifte und müssen sich deshalb jedes Mal persönlich ein Dokument beim Bürgermeisteramt ausstellen lassen, um das Viertel verlassen zu können. Außerdem ist das Dokument in der rumänischen Sprache verfasst, die die Roma-Familien nicht lesen und sprechen können.

Darüber hinaus ist das Zuhause-bleiben unter den Lebensumständen häufig nicht möglich. Die Familien können nicht auf Dauer zu zehnt in einem kleinen Raum verweilen. Die Kinder sind trotz der Auflagen draußen unterwegs. Einige der Menschen haben bereits Strafen bekommen, die sie mit ihrem Einkommen nicht bezahlen können.

Somit wird gerade im Angesicht der Corona-Krise deutlich, dass in der Realität Welten kollidieren. Lukas ist hautnah dabei, unterstützt Menschen bei Behördengängen, setzt sich mit der Kommunalverwaltung auseinander und unterzieht sich Polizeikontrollen. Lukas leistet eine Soziale Arbeit auf Augenhöhe, die sich in der Nähe zu den Menschen und ihre Problemlagen äußert.

Welche Konflikte entstehen, wie Lukas damit umgeht und welchen Perspektiven er begegnet

Im Kontakt mit den Menschen vor Ort können auch Konflikte entstehen, bei denen unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und verschiedene Erwartungen aufeinandertreffen.

Die Entscheidungen, welche Familien Lebensmittel erhalten und die ersten Austeilungen, wurden in der Zusammenarbeit mit der freikirchlichen Gemeinde getroffen und umgesetzt. Dabei haben vor allem Familien Pakete erhalten, die direkt und unmittelbar vom Hunger bedroht sind.

Dabei kommt es auch für Lukas zu Konflikten, da er die Entscheidung trifft, wenn eine Familie aus dem Programm fällt oder neu aufgenommen wird. Lukas geht dabei jedoch ehrlich mit den Menschen um, er erklärt ihnen wieso er die Entscheidung trifft und stellt immer wieder fest, dass „gerade aus diesen Konflikten ganz viel Positives und Neues entstehen kann, wenn man die Tür zueinander eben doch einen Spalt weit offenlässt.“

So erfährt er in seiner täglichen Arbeit ein großes Unterstützungspotential im Viertel. Waren es am Anfang noch hauptsächlich Mitarbeiterinnen, die beim Einpacken der Pakete geholfen haben, so sind nun beim Packen und Austeilen fast ausschließlich Roma beteiligt.

In seiner alltäglichen Arbeit mit den Menschen nimmt Lukas somit auch viele positive Entwicklungen wahr, die ihm gerade in dieser Krisen-Zeit auffallen. „Leute sagen mir, sie bräuchten nicht unbedingt ein Paket, ich solle das lieber anderen geben, die es nötiger hätten“. Dazu gehört eben diese große Bereitschaft, füreinander einzutreten sowie ein großes Durchhaltevermögen bei den Menschen in prekären Lebenssituationen. „Vielleicht sind das keine neuen Entwicklungen, sondern einfach Perspektiven auf das Miteinander, die ich jetzt erst entdeckt habe.“

Wann die Menschen ihrer Arbeit auf den Feldern wieder nachgehen können und wie lange demnach die Austeilungen noch nötig sein werden, kann wohl niemand sagen.

„Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s einfach gemacht.“

Zwischen Ungarn und Roma herrschen oft ungezogene Grenzen, die Gräben zwischen den beiden Ethnien sind tief. Deutlich wird dies in der Aufteilung im Dorf. Die Roma-Familien leben häufig abseits in einem extra Viertel. Die Mehrheit der Ungarn, die in Cidreag leben, war noch nie zu Besuch im Viertel. Der gegenseitige Umgang ist oft von Vorurteilen geprägt.

Lukas erfüllt auch in diesem Hinblick eine enorm wichtige Rolle, da er mit seinem Handeln auf Augenhöhe zeigt, dass man Grenzen überwinden kann und ein Umgang miteinander möglich ist, wenn man es einfach macht.

„Es passt für mich hier zu sein und mich einzubringen – es passt für mich, die Menschen hier zu schätzen und anzunehmen, dass sie zu ganz erstaunlichen Dingen fähig sind“.